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Im Winter 2013 ist auf dem Berg Hemba „ein Wanderer-Magnet“ entstanden. Die Einheimischen konnten es lange nicht begreifen, woran der Erfolg der Tschajownja [ukr. „das Teehaus“] liegt, es gibt bisher kaum Publikationen in Medien darüber und wir haben mit der Suche nach deren Fotos auch Pech gehabt; da kümmert man sich kaum um die Werbung oder den steigenden Besucheranzahl – man weiß eh, es gibt immer diejenigen, die hierher unbedingt kommen würden, oder auch diejenigen, die zufällig beim Schneesturm oder beim Regenschauer vorbei schauen und eine heimische Behaglichkeit des unruhigen Berggipfels finden würden.

1949 Nach der Verordnung von Josef Stalin arbeiten die Wissenschaftler der Sowjetunion daran, die Anbaubedienungen für tropischen Südpflanzen im Norden und für Nordpflanzen im Süden zu schaffen. In Transkarpatien leitet der bekannte Akademiker Viktor Sotschawa den Anbau von Zitrusfrüchten, Teepflanzen und Eukaliptus. Von allem oben genannten wächst nur Tee an. Eine Teeplantage am Tscherwona Hora in der Nähe von Mukatschewe liegt auf 50 Hektar Grund, die Flächenerweiterung bis 1.000 Hektar ist geplant, aber im Endeffekt werden da Trauben angebaut.

Heutzutage ist die einzige Teeplantage in der Ukraine am Rand des Aussterbens. Wenn man in den 60er Jahren hier an den Hängen bis 1300 kg Teeblätter pro Hektar sammelte, liegt nun diese Rate kaum bei 0,5 kg zweimal jährlich. Bis vor kurzem war das die einzige in Europa und die nördlichste Plantage vom schwarzen Tee in der Welt, aber allmählich hat man mit dem Teeanbau in England, Schottland und Deutschland begonnen und somit hat sich der Status der transkarpatischen Plantage verringert, so die Touristeninformation in Mukatschewe.

Unsere Zeit. Die erfahrenen Touristen geben Ratschläge für diejenigen, bei denen die Erholung in Transkarpatien erst geplant ist. Die Liste von „must haves“ beinhaltet den Wasserfall Schypit, das gleichnamige Festival , die Seilbahn in Pylypez, die Ortschaft Wolowez und die Tschajownja „Surija“ (da die Eigentümer ganz originell waren und nicht bloß eine banale Kolyba (ukr. „Kneipe in den Karpaten“) geöffnet haben).

„Wir haben keine Schokolade vom Geschäft, keinen Alkohol oder keine chemischen Nüsse zum Bier. Hier werden weder Fleischlaibchen noch Pelmeni gekocht – das Lokal ist vegetarisch. Statt traditionellen Banosch (ukr. Maisbrei, gekocht mit Sahne und Steinpilzen, Bergkäse, Schwarten) und Tschonachy (ukr. ein Fleischragout mit Gemüse) haben wir Palatschinken, Kuchen und heiße Getränke. Aber was für Getränke! Sbiten (ukr. ein Heißgetränk aus Wasser, Honig und Gewürzen), Masala chai, Ingwertee… Milch und Topfen werden aus Pylypez hingebracht, Beeren und Pilze werden im Walde gepflückt. In der Tschajownja riecht es nach Holz, das im Ofen brennt. Der Hauptschatz des Lokals ist aber das Panorama vom Fenster.“

Die Kindheit. Der Anfang

Das ist Julia Omeltschenko. Sie ist noch ganz klein. Ihre Oma sammelt Teekräuter und sie hilft begeistert Ihrer Oma beim Basteln der Papiersäcke für die Omas Teekräuter mit. Nach vielen Jahren wird sie sich fragen: „Was würdest du gerne machen?“ Und wird auch selbst eine Antwort finden, dass sie eher einen Lokal mit besonderer Atmosphäre schaffen könne.

Und Julia besucht längere Zeit die Ethnofestivale mit ihrem „Wanderungsteehaus“ und hat einen Imbiss beim Theater „Dach“. Ihr Tee wird zu einem Teil von jedem großen Musikfestival oder von jedem Theaterstück vom Theater „Dach“. Aber sie sucht immer wieder nach etwas Neuem, wo sie ihre Kindheitsliebe zu Kräutern und Tees zeigen kann.

Ein inspirierendes Plastikglas

Schon erwachsen kam Julia ins Gebirge, wie alle anderen, um sich von der Stadt zu erholen und frische Luft zu atmen. Sie stand am Gipfel, genoss die Aussicht und trank ihren Tee, einen Beuteltee in einem Plastikglas von einem einheimischen Verkäufer eben gekauft, und dann kam eine Idee: Da könnte was Schönes entstehen, wo man den Tee nicht vom Plastikglas, sondern von einer schönen Tasse trinken und den Geschmack eines echten Tees mit Kräutern, Beeren, die einfach dort unter den Füßen wachsen, und nicht den importierten Tee mit zweifelhafter Qualität, genießen könnte. Nach einiger Zeit wurden diese Gedanken mit dem Tee im Plastikglas zu einem erfolgreichen Projekt mit einem Biotee, mit schönem Geschirr und selbstverständlich mit einer besonderen Atmosphäre.

Julia erinnert sich daran, wie sie sich endgültig entschieden hat, dass die Tschajownja existieren würde. Sie hat ihre Freunde eingeladen, daran teilzunehmen.

„Ich sagte: ‚Ich habe solch eine Idee. Ich weiß nicht, wie das alles sich ausgeht. Seid ihr bereit, mit mir dabei zu sein?‘ Und sie sagten: ‚Ja, wir sind bereit. Aber die dachten eigentlich, dass es ein Scherz war‘. In der Früh besuchte ich die Eigentümer dieses Grundstücks. Wir einigten uns über die Landpacht und es ging los.“

Die Eröffnung war für den 1. Januar 2014 geplant, also wir hatten genau einen Monat Zeit für alle Bauarbeiten. Es war sehr kalt, tödlich schwer aber auch sehr spannend.

„Wenn die Burschen nach Hause kamen und die Videos von der Baustelle vom Berg hinunter mitbrachten, sah alles so aus, als ob das ein GULAG wäre. Bloß ein Schneesturm. Und die Arbeiter schützten sich und versuchten, diese Bretter aneinander zu passen. Der Wind war so stark, dass die ‚200er‘ Nägel weggerissen wurden. Die Bretter flogen auch mit dem Wind weg. Das war unglaublich anstrengend. Dazu noch hatten wir damals Missverständnisse mit der Verwaltung der Seilbahn. Sie ließen uns nicht immer damit bergab fahren. Oft waren wir gezwungen, zu Fuß den Berg zu besteigen. Und ich ging zu Fuß auf den Berg mit meinem kleinen Sohn Mitra und fragte mich: ‚Was ist da eigentlich los? Warum gehe ich dorthin?‘ Ich spürte, ich mache das gerne. Und das war ein unglaubliches Vergnügen für mich.“

Am 31. Dezember waren die Bauarbeiten doch zu Ende. Aber es gab noch viele Überraschungen:

„Am 31. Dezember konnten wir kaum ein Auto im Dorf finden, um die ganze Ausstattung auf den Berg hinauf zu bringen. Ich tritt das Gebäude ein und dachte: ‚Mein Gott. Was soll ich damit anfangen?‘ Kisten mit Ausstattung. Mit Geschirr. Ganz viel Baumüll. Es war kalt und es war Silvester. Und wir fingen an, alles aufzufächern. Und schon bis Mitternacht schälte sich so ein märchenhafter Raum heraus, dass mir die Worte fehlten. Ich hatte solch ein Gefühl, als ob ich ihn immer gekannt hatte. Und jetzt kam dieser Raum endlich zur Welt. Wir standen mit unseren Gläsern am Fenster. Unten in Pylypez gab es Feuerwerk und wir standen am Berggipfel und beobachteten die Sterne. Und ich verstand, dass unsere Bemühungen, unsere Investitionen dieser Silversternacht wert wären. Und in dieser Stimmung gingen wir alle, wie Katzen, schlafen. Wir machten da so eine Decke, dass wir schlafen konnten. Und schon in der Früh am 1. Januar wurden wir aufgewacht. Vor der Tür der Tschajownja stand eine Ozeanwelle der Touristen, die schon in der Früh einbrachen. Und das war toll! Man musste sich mit dem Herd, der noch nie geheizt wurde, vertraut machen. Zuerst war der so launisch. Wenn so viele Leute vor dir stehen. Und deine Prozesse existieren noch kaum und du kennst dich noch nicht aus, wo alles liegt.“

„Es wurde mit dem Holz geheizt und auf dem Herd gekocht. Der Ofenmacher Dima bekam eine ganz spezifische technische Aufgabe von uns, und Dima war unsicher, ob er dieses Projekt vollständig erfüllen kann. Aber dann riss er sich zusammen und alles wurde erledigt. Die Aufgabe, einen Herd mit einem gewissen Behälter drinnen zu bauen, brachte ihn durcheinander. Da würden wir Sand für Kaffee platzieren. Zusätzlich dazu noch einen Kamin. Einfach als Deko. Und der auch den Raum heizen würde. Dazu noch eine Fläche zum Geschirraustrocknen. Es gab technische Momente und alles hat bei ihm geklappt. Das einzige, was er nicht machen konnte, war eine Liege für mich. Ich wollte so sehr, dass man auch da schlafen könnte.“

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Den Sand für Kaffee brachte Julia aus Georgien, einfach so in ihrem Rucksack. Nun lächelt sie, als sie sich daran erinnert, wie sie bei der Kontrolle den Beamten erklärte, wozu sie den schwarzen Magnetsand benötigte, denn alle Geräte reagierten darauf. Heute wird der Kaffee für die Gäste auf zwei Arten von Sand zubereitet – der eine aus Georgien, der andere aus dem Ganges. Das ist eine einzigartige schwarz-weiße Mischung.

Nach der Silverstereröffnung, als die Touristenströme stiller geworden sind, verbrachte das Team der Tschajownja eine ganze Woche oben am Berg – die kamen zur Besinnung, arbeiteten an Prozessen und an die Logistik. Das Angenehmste kam, als die Einheimischen, ganz unbekannte Menschen mit den Unterstützungsvorschlägen zu ihnen kamen.

„Im Laufe von diesen drei Jahren kamen ganz viele Menschen zu uns, aber es gibt auch diejenigen, die bei uns ständig Vollzeit arbeiten. Die sind bei uns schichtweise. Diese Menschen sind fantastisch. Ich weiß nicht, wie ich die Anderen motivieren kann, wenn hier was passiert und die selbst Entscheidungen treffen, die für den Berg notwendig zu sein scheinen. Die Mitarbeiter gehen nach dem zehnstündigen Arbeitstag hinunter und dann gehen die zu Fuß den Berg hinauf. Denn man braucht die dort oben. Oder wie kann man jemanden motivieren, das Wasser beim Schneefall von draußen zu holen? Bei solch einem Schneefall, wenn man kaum was stehen kann, wenn man so steht und sich darauf vorbereitet: ‚Also, jetzt, eins, zwei, drei und ich gehe hinaus… Nein, nochmals: Eins, zwei, drei!‘ Und dann öffnet man die Tür und wird mit dem Windstrom ans Gelände gepresst. Der Wind kann da im Dezember ganz stark sein. Und so unter solchen Bedingungen holen unsere Mitarbeiter das Wasser. Das Wasser ist von einer Quelle. Die Quelle liegt etwas niedriger, als die Tschajownja. Wir haben mehrmals versucht, das Leitungswasser in Tschajownja zu holen, aber das Wasser konnte uns nicht erreichen. Und so jeden Tag. Minimum 100 oder sogar 200 Liter Wasser pro Tag, manchmal auch mehr. Diese Arbeit ist schwer. Die Behälter helfen nicht immer dabei. Gerade beim Schnee draußen. Und man geht im knietiefen Schnee zur Quelle. Man kämpft für jeden Schritt.“

Julia erklärt, wie sich die Tschajownja geändert hat, und somit auch die Menschen, die da arbeiten. Und es ist bemerkenswert, dass die Tschajownja ermunternd wirkte und die Prioritäten von den einheimischen Verkäufern änderte.

„Als wir hierher kamen, hatten die Einheimischen da oben einen Lipton-Tee, Chips und Schokolade im Angebot. Die waren am Anfang ganz feindlich, da wir die Fremden von der Außenwelt sind. Die konnten uns nicht einscannen, lesen. Wir blieben außerhalb von allen deren Konzepten. Und als doch unser Konzept für sie etwas klarer wurde, geschah am nächsten Tag etwas anderes, was die Vorstellungen von denen ganz ruinierte. Sie haben versucht, Intrigen gegen uns zu spannen und den Touristen was Entsetzliches über uns zu erzählen. Aber das alles ging an uns vorbei, da gab es keine Gründe dafür. Wir ärgerten uns eigentlich nie. Ich kaufte immer was von denen. Und ich versuchte immer, mit den Einheimischen zu kommunizieren. Und ich erklärte, dass es ganz unnötig sei, die Plastikgläser zu verbrennen. Man muss in dem Fall gute Beispiele finden und eigene Autorität zeigen. Deswegen erklärte ich, wenn ihr hier Jesus Christus an der Wand habt, bitte verbrennt den Plastik auch nicht.

Das Miteinander mit den Einheimischen

Jetzt ist es schon für alle da klar: man friert bei der Seilbahn auf dem Weg bergauf und wird dort oben in einem behaglichen warmen Häuschen empfangen, wo man gut essen und trinken kann; es sieht so aus, als ob es immer dort war. Aber zum gewissen Zeitpunkt sollte Tschajownja kämpfen, um ihren Platz zu erobern.

„Ganz bemerkenswert war es am Anfang bei der Saison der Heidelbeeren: Die Einheimischen verkauften gerade Heidelbeeren und Preiselbeeren in kleinen Gläsern. Und wenn ein Tourist hierher kommt, muss er das Beste bekommen. Wer interessiert sich für Beeren, dachten die Einheimischen, Klar, ein Tourist muss mindestens einen normalen Beuteltee kaufen können. Für die sah unsere Arbeit so aus, als ob wir hier Heu und Kräuter an Touristen teuer verkaufen. Nun haben die auch Preislisten für sich gemacht: Tee mit Preiselbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, mit diversen Sirupen. Schnäpse und Liköre: diverse Sorten. Die backen jetzt auch Kuchen. Und das ist wunderschön, auf solche Weise entsteht Wettbewerb. Ganz am Anfang kann ich mich erinnern, dass die Einheimischen einen Heidelbeerkuchen gehabt haben. Ich habe den gegessen und am nächsten Tag gab es den schon nicht mehr. Ich fragte danach, aber die antworteten: ‚Na ja, wenn es wenig Touristen gibt, backen wir keine Kuchen. Und jetzt backen die fünf Sorten von Kuchen, mit ganz diversen Füllungen‘. Und ich glaube, es ist eine sehr gute Entwicklungserfahrung, die vergleichen sich mit uns, besorgen sich Container, Thermobehälter, denken sich was auch, dazu noch Tischtücher… vorher war es ein Holztisch und das was. Und jetzt bemühen die sich, dass es schön aussieht.“

Trotz allen äußerlichen Mechanismen, die die Tschajownja als ein gutes Business-Projekt charakterisieren, erzählt Julia darüber, als ob das was Geistliches wäre.

„Wenn ich in die Tschajownja komme, sehe ich eine Touristengruppe, die pro Tag so ungefähr 10 diverse Lokale besuchen müssen, und der Touristenführer erinnert die ständig an Timing. Und dann nimmt man eine Tasse Tee oder gar nichts, kommt bloß zum Fenster und schweigt, schweigt total, ich sehe die Begegnung des Moments da. Und ich verstehe, wie besinnlich es ist. Das alles und das Ziel davon begeistern mich.“

Zuerst wurde hier Borschtsch gekocht, man servierte auch hausgemachte Schnäpse, Wermut, Glühwein. Allmählich verzichtete man sich auf Fleisch und dann auch auf Alkohol. „Die Einheimischen waren einige Monate lang schwer beeindruckt. Und konnten nicht begreifen, was dahinter steckt. Die konnten lange nicht glauben, dass wir uns auf diesen Goldgang verzichtet haben, die kamen und überprüften.“

Julia erzählt, dass Pylypez für sie immer noch eine geheimnisvolle Ortschaft ist.

Die Menschen haben sich gewöhnt, nichts zu tun und das Geld einfach von der Luft zu bekommen. Die Lebensmittel für Tschajownja kauft man in Mukatschewe oder in Mischhirja ein, denn in Pylypez ist es sehr kompliziert, sich mit den Einheimischen zu vereinbaren.

„Beim Erfüllen einer sogar unwesentlichen Vereinbarung ändert man dort die Preise, Termine oder sagt die Lieferungen überhaupt ab, und wir erfahren es erst nachher, erst nach dem Anruf – da heute ein Feiertag sei oder da die Kinder gekommen oder weggefahren seien, gebe es also kein Topfen. Die Worte sind hier nichts wert, ‚heute‘ bedeutet ‚an den nächsten Tagen‘, ‚morgen‘ – ‚in einigen Wochen‘ und ‚irgendwann‘ ist eigentlich ‚nie‘.“

Die Leute verstehen nicht, dass die ständige und gut funktionierende Zusammenarbeit immer Einkommen bringt. In Dörfern lebt man in den Tag hinein, man bemüht sich kaum, was für die Zukunft zu planen und eine gewisse zuverlässige Einkommensquelle zu finden.

„Einmal schlug ich dem Milchlieferanten vor, dass er uns Milch täglich mit der Seilbahn schickt und uns telefonisch verständigt, auf welchem Nummer der Sessel unsere Milch hinauf fährt. Ich bat um kein Rabat für Stammkundin, sogar umgekehrt, ich schlug einen Zuschlag für jede Lieferung vor. Aber er antwortete mir Folgendes: ‚Ich habe ‚Life‘ und ihr habt ‚Kyjiwstar‘ (*Molbiloperatoren in der Ukraine) – es ist teuer, euch anzurufen!‘ Ich versprach, die Mobiltelefonkosten zu erstatten, aber es war zu kompliziert. Nach dem ersten Versuch wurde mir gesagt: ‚Holt selbst ab, sonst bekommen unsere Schweine die Milch!‘ Oder die Lieferanten vom Schafkäse bei Silvester und Weihnachten bringen uns den Käse und wollen dafür dreimal so viel bezahlt bekommen, die Begründung dafür ist, dass es Feiertage seien‘.“

Leider, wenn man mit den anderen Lokalen in Pylypez kommuniziert, bekommt man einen Eindruck, dass Tschajownja hier ein Fremdobjekt ist, denn die gehören nicht zu den Einheimischen und nehmen den Kunden von allen anderen weg. Eher weniger von denen können verstehen, dass solche Lokale, wie Tschajownja, als Magnet für Touristen wirken, man kommt hierher, um Kaffee oder Tee bei „dem Fenster“ zu genießen, aber auf dem Weg würde man sicher zu der traditionellen Kolyba vorbeischauen und gerne Warenyky (ukr. Teigtaschen) oder Borschtsch bestellen.

Die Geschichte der Tschajownja ist so, dass die Existenz vom Projekt selbst ein Wunder ist, und wir haben wirklich wunderbare Gäste.

Die Priester halten das Gottesdienst in Tschajownja

„Das war im Februar, eine Gruppe ist mit der Seilbahn angekommen und zuerst haben die versucht, auf dem Berg etwas zu machen, die hatten auch eine Fahne mit, die gingen in die Tschajownja hinein und fragten, ob sie das Gottesdienst halten dürften. Na klar durften sie, wie sonst? Und so stand ich hinter der Bartheke, schaute mir das alles an: Zwei Männer, die sahen sehr männlich aus, nahmen die Kapuzen, dann die Sportjacken weg, holten Priestergewand und Goldschmuck raus, nahmen Rauchfässer, zogen Kopfbedeckung an und ein Gottesdienst begann. Ja, ein echter Gottesdienst!“

Die Elektrizität des Teehauses wird aus der Sonne gewonnen

„Das war eine orthodoxe christliche Organisation, die mit Kindern arbeitet und Gottesdienste an diversen Ortschaften, so wie hier auf dem Berg, hält. Einfach unglaublich! Zuerst verrichteten sie Gebete, der Priester ging mit dem Rauchfass um, die Touristen von Draußen, wo es sehr windig war, kamen rein und konnten kaum begreifen, was da eigentlich los wäre. Die sahen ein Häuschen und von Außen sieht die Tschajownja ganz anders als von Innen aus. Das bereitet immer einen Schock, sogar beim guten Wetter und unter normalen Bedingungen. Hier passiert eine Änderung, es ist wie ein Übergang zu einer anderen Realität, vom frostigen Winter in ein warmes behagliches Haus. Und in dem Moment kamen die Gäste hinein und sahen Priester, die hier beten. Die Gäste verstanden nicht, wo sie sich genau befinden: entweder in einer Kirche oder in Tschajownja, und es gab schon ganz viele Gäste drinnen. Die Priester predigten über die Zeit, über die Zeitverschwendung, da gab es ganz viele philosophische Gedanken. Er sagte: ‚Ja, die Zeit fehle, aber es sei ganz wichtig, alles rechtzeitig zu machen‘. Und wir konnten uns damals an ganz viele Sachen nicht gewöhnen, manchmal bereiteten wir ein gewisses Getränk im Voraus vor und die Seilbahn war schon fast zu. So waren die ersten Tage unserer Arbeit. Wir haben kaum darüber nachgedacht. Danach, als alle schon weg waren, sagte ich: ‚Na schaut, sogar der Priester hat uns über die Zeit erzählt‘. Am nächsten Tag fuhr ich nach Wolowez, um meine Mutter abzuholen, und auf den Gleisen fand ich eine Box. Ich wollte die Box wegwerfen, anscheinend gab es Plastik drinnen, aber ich spürte, dass es drinnen was in Verpackung gab; ich öffnete die Verpackung und da lag eine neue Uhr.“

„Eine verpackte Uhr mit einem Logo darauf. Ich dachte mir, ich habe das Logo irgendwo schon gesehen, und das war eigentlich das Logo von dieser christlichen Organisation. Die fuhren mit dem Zug ab und haben die Uhr verloren. Und ich habe die gefunden und sie hängt jetzt hier bei uns.“

40 Choristen

„Es war einmal ein wunderschöner Morgen im Sommer. Und wir bereiteten uns erst auf den Empfang von Besuchern vor. Eine Touristengruppe kam und fragte, ob die bei uns ein Weile bleiben dürften. Und dann so: ‚Wissen Sie, es ist hier ein bisschen windig, und wir sind ein Chor, dürfen wir vielleicht noch für Sie singen?‘ Auf dem Berg oben vor mir stand plötzlich ein Chor von 40 Menschen. Und sie sangen! Und ich hatte Tränen in Augen. Die Schönheit des Moments! Hier gibt es so viele unvergessliche und zärtliche Momente.“

1 km 164 m 50 cm 5 mm über dem Meeresspiegel

„Und noch eine interessante Geschichte. Es war ganz kalt im Winter, die Seilbahn funktionierte nicht, bei uns aber, unabhängig von der Seilbahn, gibt es immer Gäste, denn manche kehren vom Gebirge zurück und manchmal dient unsere Tschajownja als eine Hütte, wenn es, zum Beispiel, sehr kalt in der Nacht ist oder wenn die Leute den Weg oben im Gebirge verlieren. Und jemand klopfte am Abend. 7 Männer kamen zu uns, komplett desorientiert, konnten sogar kaum reden. Sie waren sehr gefroren, wir gaben denen einen heißen Tee. Ich bemerkte, die hatten so orange Koffer mit, und ich fragte die nach, ob sie vielleicht wüssten, auf welcher Höhe genau wir wären. Und zwei Männer schauten uns so an und öffneten die orangen Koffer und holten Geräte raus. Und die Show fing an. Die waren Wissenschaftler. Und die Höhe bis unserer Schwelle wurde in mm gemessen. Ich erkundigte mich, wie die Höhe bei uns wäre, und bekam die Antwort in mm. 1 km 164 m 50 cm 5 mm. Und wir schrieben dann diese Zahlen auf. Also, ist es nicht ausgedacht, das ist eine tatsächlich gemessene Höhe.“

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Eine Teefabrik wie auf Sri Lanka

Heutzutage sind alle Prozesse in Tschajiwnja mehr oder weniger geregelt und Julia möchte gerne ein anderes Niveau erreichen.

„Ich möchte alle Prozesse perfektionieren, alle Schritte davon. Das betrifft Sammlung, Verarbeitung, Verpackung und Verkauf von Tee. Ich arbeite gerade an den Möglichkeiten von Teeverarbeitung: Fermentierung, Abpressen, Trocknen. Ich würde das alles gerne verbessern. Und es wird auch an Re-branding gearbeitet. Aber das ist noch beim Geburtsstadium. Eigentlich würde ich gerne eine Teefabrik, wie auf Sri Lanka, mit schönen Räumlichkeiten sehen, wo alle Prozesse – Vorbereitung, Verpackung, usw. – übersichtlich sind, da gibt es zusätzliche Menschen, die sich in die Prozesse einmischen, z. B. Teemörsern, wo man jede Einzelheit beobachtet. Nicht so auf Laienniveau, es gab eine Idee, die Prozesse zu automatisieren, zumindest das Mörsern von Kräutern, aber dann verstand ich, wie unterschiedlich diese Kategorien sind – mechanisch oder mit eigenen Händen. Deswegen machen wir das alles händisch bis zur Fermentierung. Man muss zuerst alles mörsern, dann ausruhen lassen und dann wieder mörsern, dann umdrehen und dann wieder mörsern, man muss die Teeblätter beobachten, was mit denen passiert, wie sich die Blätter ändern. Und das alles wird händisch gemacht. Es wäre angenehm, alle Prozesse zu sehen, eigentlich sich in solch einem Lokal zu befinden, wo man verschiedenste Teesorten kosten, kaufen, auch an Prozessen teilnehmen und etwas erfahren könnte.“

Nach den Rezepten von allen Getränken sucht Julia nicht gezielt, es ist genauer zu sagen, dass die Getränke sie selbst finden. So war es mit dem Weidenröschen, die sie im zweiten Jahr auf dem Berg für sich gefunden hat, so war es auch mit Sbiten.

„Ich war in Sankt-Petersburg. Und dort habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Sbiten gekostet. Ich war tief beeindruckt. Mir hat die Kombination sehr gut gefallen. Was Saures, Würziges und Süßes mit Honig dazu. Schon in der Ukraine suchte ich nach den Rezepten und Geschichte von diesem Getränk. Und habe mich entschieden, Sbiten wieder zu machen.“

„Du musst dich nicht auf das Business konzentrieren. Du erlebst einfach Prozesse…“

Julia sagt, dass der Erfolg eigentlich nicht davon abhängig seit, wo man was anfängt, deswegen ist es noch keine Erfolgsgarantie, in einer Großstadt mit viel Bevölkerung und mit technischen Ausrüstung zu arbeiten.

„Die Zeit, wenn man große Entscheidungen unter und für ganz viele Leute trifft, ist schon vorbei. Mit den Kommunikationsmitteln ist alles ganz anders und es ist nicht wichtig, wo man sich befindet. Wenn du wirklich was Richtiges, Hochwertiges machst, musst du das nicht so eifrig verkaufen. Und weniger darüber nachdenken. Du lebst einfach, lebst im Prozess, machst das, was du am besten kannst, und genießt das. Und jeder Tag, sogar die Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Kauf eines neuen Geschirr, ist für dich sinnvoll. Und das bringt Kinderfreude mit, ohne Ende, und ich sehe da weder Punkt A mit Koordinaten noch Punkt B mit Koordinaten. Das sind einfach meine Prozesse. Und ich lebe damit. Ich glaube nicht, dass es hier einen Endpunkt gibt, überhaupt.“

„… und der Ort wird selbst alle Möglichkeiten für dich öffnen“

Das Berggebiet Borschawa ist eine Top-Ortschaft für Budget-Reisen in der Ukraine; hier ist es am einfachsten, die Alpinisten-Route in den Karpaten zu starten, die Wiesen sind von Heidelbeeren und Krokusen voll, die transkarpatischen Dörfer liegen unten und bezaubern mit deren Authentizität, und die Natur und der ruhige Lebensrhythmus lockern Tausende und Tausende Wanderer hierher, aber trotzdem wird die Gegend nicht so gerne für den Bedürfnissen der Touristen eingerichtet.

Die Gegend ist spezifisch, erklärt Julia, da wollte man viele Projekte machen aber die sind noch immer als Entwürfe geblieben. Vielleicht gibt es keine Leute, die das alles ernst nehmen, oder vielleicht ist es die Gegend, die keine Neuigkeiten zulässt.

„So ist es hier, wild und eigenartig. Ich bin nur zu Besuch da, ich kommuniziere immer wieder mit der Gegend. Zuerst habe ich sie um Erlaubnis gebeten, ob ich überhaupt hier sein dürfte? Kann ich hier etwas tun? Und ich spürte, dass ja, ich kann. Und erst danach habe ich angefangen, nach den aktuellen Eigentümern des Grundstücks zu suchen.“

Die zärtliche Julia mit der Gruppe von Mitträumern planen die Teetraditionen da, wo die durch Kollektivisation, durch Plastik, durch Vergessenheit und Verzweiflung ruiniert wurden, wieder zu beleben. Und die kehren in einer neuen Form, mit einem neuen Verstand und mit einer neuen Bedeutung zurück. Eine kleine Tschajownja am Berg oben hat die Vorstellungen von vielen Wanderern und Einheimischen geändert, wie man so weit oben, ohne Wasser, ohne Licht, bei unbeständigem Wetter einen Traumort von Wärme und Teetraditionen schaffen kann.

Beitragende

Gründer von Ukraїner:

Bogdan Logwynenko

Autorin des Textes:

Maritschka Aleksewytsch

Regisseur:

Mykola Nossok

Kameramann:

Dmytro Ochrimenko

Filmeditor:

Dmytro Koschewyj

Fotograf:

Walentyn Kusan

Serhij Poleschaka

Transkriptionist:

Serhij Husenkow

Dmytro Tschernenko

Übersetzerin:

Elina Fojinska

Folge der Expedition