Die ukrainische Dokumentarfotografie hat sich seit Kriegsbeginn verändert. Die Fotos wurden zu einer Botschaft an die Welt darüber, was hier passiert. Zu den aufsehenerregendsten gehören die Aufnahmen aus Mariupol während der russischen Belagerung der Stadt im Jahr 2022. Der Fotograf dieser Bilder, Jewhen Maloletka, hat über diese Erfahrungen ein Buch geschrieben, das vor Kurzem im Ukraїner-Verlag erschienen ist. Die englische Ausgabe erscheint im August 2026.
Jewhen Maloletka ist ein ukrainischer Bildberichterstatter, Journalist der Nachrichtenagentur Associated Press und Preisträger zahlreicher renommierter Auszeichnungen, darunter der Georgij-Gongadze-Preis (2022), der James-Knight-Preis (2022), zwei Pulitzer-Preise (2023) und der Nationale Taras-Schewtschenko-Preis (2024). Außerdem wurde er 2022 von der britischen Zeitung The Guardian zum „Fotografen des Jahres“ ernannt und sein Foto der Folgen des Angriffs auf die Geburtsklinik in Mariupol wurde beim World Press Photo Contest 2023 zum Foto des Jahres gekürt.
Luftangriff auf die Geburtsklinik in Mariupol. Foto: Jewhen Maloletka.
Jewhen Maloletka fotografierte die Revolution der Würde 2013/14, auch als Euromaidan-Proteste bekannt, und dokumentiert seit 2014 den Krieg in der Ukraine. Einen Tag vor der landesweiten Invasion der Ukraine durch Russland am 24. Februar 2022 fuhr er zusammen mit dem Kriegsberichterstatter Mstyslaw Tschernow und der Produzentin Wassylissa Stepanenko nach Mariupol. Ihm war klar, dass die Russen erneut* versuchen könnten, die Stadt einzunehmen. Das Team arbeitete dort während der ersten 20 Tage der Belagerung und berichtete der Welt über die Kriegsverbrechen Russlands. Zu diesem Zeitpunkt waren sie die einzigen Journalisten in der Stadt, die für eine internationale Nachrichten-Agentur arbeiteten. Das ukrainische Militär warnte, dass die Russen hinter ihnen her seien und sie zwingen könnten, zu sagen, dass alles, was sie über die Belagerung veröffentlicht haben, gelogen sei. Dem Team gelang es, aus der Stadt evakuiert zu werden und das gefilmte Material zu retten. Im Jahr 2024 gewann ihr Film „20 Tage in Mariupol“ den Oscar für den besten Dokumentarfilm.
Nachdem Jewhen Maloletka die Belagerung von Mariupol überlebt hatte, berichtete er weiter über den Krieg: über Massengräber in der Region Sloboschanschtschyna, die im Herbst 2022 nach der Befreiung der Stadt Izjum gefunden wurden; über die Überschwemmung durch die Sprengung des Kachowka-Staudamms; über den Beschuss von Städten; über Menschen, die aufgrund von Kampfhandlungen ihre Häuser verlassen müssen; über schwerverwundete Soldaten; über Gefangenenaustausche; über die von Russland entführten Kinder.
Wir sprechen mit ihm über die Arbeit an seinem Buch „Die Belagerung von Mariupol“, über die Notwendigkeit, die Ereignisse des Krieges zu dokumentieren und zu verarbeiten, über das Fotografieren der dramatischsten Momente im Leben der Menschen und über die Verantwortung eines Fotografen.
UKRAЇNER: Wie würden Sie Ihr Buch „Die Belagerung von Mariupol“ in einem Satz beschreiben?
Jewhen Maloletka: Das Buch handelt von der Dokumentation des Krieges in den ersten Tagen der landesweiten Invasion, von den Geschehnissen in Mariupol und der Zerstörung der Stadt durch die Russen, von Menschenleben und von der Verantwortung des Fotografen, der diese Bilder macht und verbreitet.
Der Beschuss von Mariupol. Foto: Jewhen Maloletka.
Wie kam es zur Idee, dieses Buch zu schreiben? Wann haben Sie damit begonnen?
Maloletka: Die Idee, es zu schreiben, hatte ich von Anfang an, als wir herausgekommen sind (aus Mariupol – Anm. d. Red.), ich musste nur die Zeit dafür finden. Ich wollte nicht lediglich einen Bildband erstellen. Ich wollte von den Menschen aus Mariupol erzählen, die gelitten haben, die durch den Krieg getötet wurden.
Im September 2023 habe ich mir an der Front ein Bein gebrochen und mir wurde klar, dass ich die Rehabilitationszeit, bis der Knochen wieder zusammengewachsen ist, sinnvoll nutzen muss.
Das Gedächtnis hat die Eigenschaft, Ereignisse zu verzerren: Manches verschwimmt, anderes rückt in den Vordergrund. Wie hat die Zeit Ihre Erinnerung an die Ereignisse beeinflusst?
Maloletka: Es war schwierig, alle Elemente aus dem Gedächtnis hervorzuholen; ich musste den gesamten Ablauf der Ereignisse rekonstruieren. Tatsächlich hatte ich vieles vergessen, und im Laufe eines Jahres erinnerte ich mich in Gesprächen oder anderen Situationen an etwas, schrieb es auf und fügte es dem Manuskript hinzu.
Es war nicht einfach, sich daran zu erinnern, weil seitdem auch andere historische Ereignisse an der Front stattgefunden haben, die wir ebenfalls dokumentiert haben – es ist viel mit uns und unseren Freunden passiert. All das hat sich überschlagen.
Das Gedächtnis kann einen im Stich lassen, deshalb muss man alles aufschreiben. Ich habe verstanden, wie wichtig es ist, sich Notizen zu machen. Es gibt tolle Geschichten, die man sonst einfach vergessen könnte, die man aber nicht vergessen sollte.
Offenbar machten Sie sich in Mariupol keine Notizen, also haben Sie das ganze Buch aus dem Gedächtnis geschrieben?
Maloletka: Hätte ich gewusst, dass es so kommen würde, hätte ich vielleicht vieles anders gemacht. Aber wir haben das getan, was wir getan haben. Und daraus müssen wir Lehren ziehen. Die Erfahrung aus Mariupol vergisst man sicher nicht. Es ist wichtig, sie aufzuschreiben, damit andere davon erfahren können – weil ein Foto eine Geschichte erzählt, aber nichts darüber aussagt, was im Hintergrund passierte, was die Menschen drumherum sagen. Ein Foto hat keinen Ton, es fehlt das, was man in diesem Moment gedacht hat. Das ist auch wichtig, denn es geht um Menschen und darum, wie sie in kritischen und extremen Situationen reagiert haben.
Ein Rettungssanitäter führt bei einem dreijährigen Kind im Krankenwagen eine Herzdruckmassage durch. Foto: Jewhen Maloletka.
In Ihrem Buch schreiben Sie: „Jetzt, nach einigen Jahren, kann ich die gesamte Szene in Gedanken nachstellen, aber die Fotos selbst sind nur Teile davon. Kann man sagen, dass Sie im Buch „Die Belagerung von Mariupol“ so ein umfassendes Bild entstehen lassen?
Maloletka: Der Betrachter sieht das finale Ergebnis – das fertige Foto. Aber wie man diesen Moment erreicht hat, sieht er nicht. Manchmal plant man etwas Bestimmtes, aber die Situation verändert sich drastisch und man muss einfach auf die Ereignisse vor seinen Augen reagieren.
Es war logisch, das Buch in chronologischer Reihenfolge aufzubauen: wie sich die Situation in Mariupol veränderte, was wir an jedem Tag erlebt haben. Als der Text fertig war, haben der Designer und ich lange darüber nachgedacht, wie wir den Text und die Fotos anordnen und wie wir beide voneinander trennen sollten, damit die Fotos nicht gegenüber dem Text dominieren. Denn ein Foto spricht für sich selbst, aber wir möchten, dass die Menschen nicht nur schauen, sondern auch lesen.
Im Buch erzählen Sie, wie die Geschichten einiger Protagonisten Ihrer Fotos weitergehen. Sie halten den Kontakt zu ihnen aufrecht. Wie gelingt Ihnen das, wo doch die Menschen unter den gegebenen Umständen ihre Handys verloren haben und heute in verschiedenen Städten oder sogar Ländern leben?
Maloletka: Die Welt scheint sehr groß, aber wenn man sich mit einem bestimmten Thema befasst, ist sie klein. Die Menschen aus Mariupol sind wie eine Familie, alle kennen sich. Einige Kontakte waren schwer zu finden, aber Freunde haben mir geholfen. So habe ich den Mann von Iryna Kalinina gefunden (auf einem Foto von Jewhen Maloletka war zu sehen, wie die schwangere, schwer verletzte Frau nach einem Beschuss der Geburtsklinik weggetragen wurde – Anm. d. Red.). Mit ihm habe ich mich unterhalten und konnte seine Geschichte erzählen. Das war für mich nicht aus beruflicher Sicht, sondern persönlich sehr wichtig.
Sie haben die Menschen in schweren Momenten ihres Lebens fotografiert. Wie verstehen Sie die ethische Verantwortung eines Fotografen?
Maloletka: Das ist ein inneres Dilemma, aber man steht vor der Aufgabe, die Aufmerksamkeit der Welt darauf zu lenken, was hier bei uns passiert. Es ist emotional schwierig, diese Fotos anzusehen, aber es ist überaus wichtig. Das können tragische Momente sein, wie bei Iryna Kalinina. Sie ist später gestorben, doch das Foto von ihr wurde weltweit verwendet. Damals war nicht bekannt, wie ihre Verwandten darauf (auf die Veröffentlichung des Fotos – Anm. d. Red.) reagiert haben. Aber wenn man das nicht zeigt, ist es, als hätte es das alles nie gegeben. Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat, wenn wir das fotografieren und veröffentlichen. Das kann negative Folgen für uns haben. Aber es handelt sich um die Dokumentation von Kriegsverbrechen.
Einwohner von Mariupol im Luftschutzkeller des Theaters, in dem einst ein Festival für zeitgenössische Kunst stattfand. Foto: Jewhen Maloletka.
Ein Fotograf ist unbequem, weil er etwas veröffentlichen kann, das jemandem nicht gefällt. Den Menschen in den Luftschutzräumen von Mariupol gefiel es nicht, dass sie fotografiert wurden, aber auf fast jedem dieser Fotos haben diejenigen, denen die Flucht gelang, ihre Verwandten und Angehörigen wiedergefunden. Es gab keinen Handyempfang, sie suchten überall nach ihnen.
Dank dieser Fotos sind diese Ereignisse dokumentiert, und wir haben eine Reaktion der Welt auf die Geschehnisse. Gäbe es diese Fotos nicht, hätten wir nur Fotos von Feuerwehrleuten, die Brände löschen. Und es würden Fragen kommen: „Habt ihr immer noch Krieg? Ich sehe ja gar nichts über euch in den Medien.“
Inwiefern kann das Buch für diejenigen nützlich sein, die den Krieg dokumentieren, insbesondere für Fotografen?
Maloletka: Dieses Buch wurde von einem Fotografen geschrieben und handelt von seiner Denkweise und davon, was er berücksichtigt, wenn er etwas fotografiert oder fotografieren möchte. Im Krieg kann man nicht nur Fotograf sein, man muss auch Journalist sein und verstehen, was vor sich geht.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Krieg fotografieren würde, aber so ist es gekommen. Russland hat die Krym besetzt und später den Donbass, und ich musste lernen, was Kriegsfotografie ist und wie man in einem Kriegsgebiet arbeitet. Heute verstehe ich besser, wie man im Krieg arbeitet und was dazugehört, um ein bestimmtes Bild einzufangen. Früher war das eher situationsabhängig. Man braucht Erfahrung, Glück, die Fähigkeit, bestimmte Sachen vorauszusehen, und natürlich die Zeit, die man dafür investiert. Bei einer solchen Fotografie geht es nicht mehr um Kunst, sondern ums Dokumentieren.
Was bedeutet Mariupol für Sie?
Maloletka: Indem es gelungen ist, die Geschichte von Mariupol zu erzählen, hat die Welt von international tätigen Journalisten Beweise bekommen, was dort tatsächlich vor sich ging. Einst umzingelte Russland die syrische Stadt Aleppo. Der Kampf um Aleppo dauerte von 2012 bis 2016. Russland half dem ehemaligen Staatspräsidenten Syriens Baschar al-Assad, durch Bombardierungen die Stadt einzunehmen. Es gab jedoch keine Berichte aus der Stadt selbst (von internationalen Journalisten – Anm. d. Red.). Die Welt konnte nicht erfahren, was dort mit den Menschen passierte. Wenn es in Mariupol kein Kamerateam und keine Journalisten gegeben hätte, hätten alle nur die auf Handys aufgenommenen Fotos verwendet, und die Welt hätte nie an die Massengräber, den Angriff auf die Geburtsklinik und die gezielten Schüsse von Panzern auf Wohnhäuser geglaubt. Die Welt hätte etwas erfahren, aber nicht in dem nötigen Umfang.
In keiner anderen ukrainischen Stadt wurden in so kurzer Zeit so viele Zivilisten getötet. Mariupol wurde umzingelt und – wie im Mittelalter – Haus für Haus niedergebrannt. Ich werde mich mein ganzes Leben lang an Mariupol erinnern. Es herrscht Krieg, wir haben so viele zerstörte Städte: Bachmut – ich habe die Stadt geliebt. Awdijiwka. Pokrowsk. Sie alle sind für mich wichtig, aber Mariupol ist etwas Besonderes. Die Stadt ist fast mein Zuhause, denn ich komme aus der nahegelegen Stadt Berdjansk.
„Marik“, wie man Mariupol in der Koseform nannte, war immer eine Stadt der Stärke, des Widerstands und der Wahrheit. Ich danke Gott und den Menschen, die diese Erinnerung bewahren und es nicht zulassen werden, dass die Russen die Geschichte umschreiben.
Jewhen Maloletka im belagerten Mariupol. Foto: Serhij Hritz.