Die Ukraine war über Jahrhunderte hinweg im Grunde genommen eine Kolonie Russlands, daher entwickelte sich die Kultur unter extrem komplizierten Bedingungen. Zahlreiche Unterdrückungen, Verbote und Repressionen seitens des „großen Bruders“ stellten ukrainische Künstler:innen vor die Wahl: ihrer Kultur treu zu bleiben, trotz der Risiken für ihre Karriere oder sogar ihr Leben; dem Imperium zu dienen, während sie allmählich ihre Wurzeln vergaßen; oder zwischen beiden Strategien zu manövrieren. Von dieser Wahl hing ihr Schicksal ab. Deswegen haben die Ukrainer in ihrem kulturellen Erbe eine Reihe von Künstler:innen, deren Biografien und kreatives Schaffen noch angemessen neu interpretiert werden müssen und vor allem muss man beachten, welche Spuren Russland darin zu ihrer Zeit hinterlassen hat.
Die Komplexität der Geschichte zu verstehen, Zusammenhänge und Bedeutungen zu erkennen, zu überdenken und zu akzeptieren, hilft bei der Aufarbeitung kolonialer Traumata. Anders gesagt, es handelt sich um Dekolonisierung, und die ukrainische Kunst benötigt sie genauso dringend wie andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Im Rahmen des Sonderprojekts „Dekolonisierung“ erzählt Ukraїner zusammen mit Expert:innen aus verschiedenen Bereichen, wie Russland zu verschiedenen Zeiten das ukrainische Volk körperlich und mental versklavt hat, und wie es alle Verbindungen zu ihr kappen können. Die Dokuerie beginnt mit einem Beitrag über die Restitution gestohlener Kulturgüter. In diesem Teil geht es um ukrainische Künstler:innen, die vom Aggressorstaat verboten und/oder angeeignet , und deren Talent und Ruhm nachhaltig unterdrückt wurden.
Gemeinsam mit dem Projector Institute und der Kreativdirektorin des Ukrainischen Instituts Tetjana Filewska berichten wir über einige der Persönlichkeiten, deren Biografien den Prozess der kulturellen Kolonisierung gut veranschaulichen. Eine nähere Bekanntschaft mit ihnen soll helfen, die Bedeutung dieser Künstler:innen in der ukrainischen und der Weltkultur zu verstehen und die Dringlichkeit der Dekolonisierung zu verdeutlichen.
Historische Gründe für kulturelle Kolonisation
Im Jahr 1721 wurde das Zarentum Russland zum Russischen Kaiserreich erklärt. Im Gegensatz zu klassischen westlichen Imperien, hatte es keine Überseekolonien und teilte deren Bewohner:innen nicht nach rassischen Prinzipien ein. Russland kolonisierte Nachbarn, die es für unzivilisiert hältt. Aber auch nach 300 Jahren haben sich russische Narrative fast gar nicht geändert. Russland versucht nach wie vor den Ukrainern und anderen Völkern, das Recht auf einen eigenen Staat, die eigene Kultur, Sprache und Identität abzusprechen. Das Walujew-Zirkular und der Emser Erlass, die die ukrainische Sprache und das Buchwesen verboten, zahlreiche Repressionen gegen die ukrainischen Intellektuellen, das Stigma der Minderwertigkeit – all dies hatte Einfluss darauf, wie die Ukrainer:innen heute sind.
Die koloniale Politik Russlands setzte sich auch zu Sowjetzeiten fort. Ihr Ziel beschreibt die Kreativdirektorin des Ukrainischen Instituts Tetjana Filewska:
„Sie [die koloniale Politik Russlands] war darauf ausgerichtet, die Entwicklung der Kultur in den Kolonien zu hemmen und zu kontrollieren – eines Bereichs, in dem offensichtlich die Identität einer Gemeinschaft von Menschen, eines Volkes, einer Nation geformt und kommuniziert wird. Deshalb ist Kultur eine ‚gefährliche‘ Sache. Gleichzeitig nährt sich das Imperium immer von seinen Kolonien. Es usurpiert und erschöpft Ressourcen, einschließlich Talente. Natürlich war [das Russische] Kaisserreich darauf ausgerichtet, die Talentiertesten, Intelligentesten und Fortschrittlichsten in seine Metropole zu holen, und diese Geschichte wiederholte sich von Generation zu Generation. Sogar während der Jahre der Unabhängigkeit der Ukraine.“
Die gezielte Vernichtung der ukrainischen Intelligenzija ist ein irreparabler Verlust für die ukrainische und globale Kultur. Das kreative Leben der Künstler:innen und oft das Leben generell änderte sich dramatisch oder wurde einfach abgebrochen. Das Russische Kaiserreich und die Sowjetunion zwangen sie dazu aufzuhören, Texte, BilderMusik und Skulpturen zu schaffen, Theateraufführungen zu inszenierenusw.
Heute befinden wir uns vielleicht in der heißesten Phase des Krieges mit der Russischen Föderation, und für die Ukrainer:innen ist dieser Krieg auch ein Kampf um die Dekolonisierung ihrer Kultur. Daher muss das kulturelle Erbe noch sorgfältiger erforscht und neu bewertet werden, damit der Feind keine Chance mehr hat, es zu verzerren, sich die Kunstschaffenden und ihre Werke anzueignen.
Bei der Aufarbeitung oder Einführung eine:r Künstler:in in den ukrainischen Diskurs ist es wichtig zu verstehen, in welchen soziokulturellen Kontexten er/sie sich befand, welche Bedeutungen er/sie schuf, nährte und welche bekämpfte. Beinhalten seine/ihre Werke imperiale Narrative bezüglich der Ukraine? Wie hat er/sie sich identifiziert (freiwillig oder unter Zwang)? Was waren seine/ihre Ansichten und Lebensentscheidungen? Die Persönlichkeit eine:r jeden Künstler:in muss unter Berücksichtigung dieses Kontextes betrachtet werden, denn Kunst kann sich, so sehr es auch jemand wünschen mag, nicht vollständig von den sozialpolitischen Umständen isolieren.
Les Kurbas und Mykola Kulisch: von der sowjetischen Macht verbotene ukrainische Künstler
Wenn man über verbotene Künstler:innen spricht, ist die Generation der Rosstriljane widrodschennja (dt. Erschossene Renaissance) (1920er – Anfang 1930er) sehr bezeichnend. In den 1930er Jahren wurden ca. 30.000 ukrainische Kulturschaffende stalinistischen Repressionen ausgesetzt. Als Nachfolgerin des Russischen Reiches tat die Sowjetunion alles, um die ukrainische Kunst verschwinden zu lassen. Repressionen gab es vor und nach Stalin, aber unter seiner Herrschaft erreichten sie solche Ausmaße. Eine ganze Generation von Künstler:innen wurde getötet. Ihre Werke wurden verboten und sie selbst wurden als „bourgeoise Nationalisten“ und „Feinde des Volkes“ gebrandmarkt oder gar nicht mehr erwähnt. Im Russischen Reich gab es keinen Platz für ukrainische Kunst.
Rosstriljane widrodschennja (Erschossene Renaissance)
Eine Generation von Schriftsteller:innen und Künstler:innen in den 1920er bis Anfang 1930er Jahre in der Ukraine, die hochwertige künstlerische Werke in den Bereichen Literatur, Malerei, Musik und Theater schufen und die vom totalitären stalinistischen Regime vernichtet wurden. Regisseur und Schauspieler Les Kurbas und Schriftsteller Mykola Kulisch waren einige der Opfer dieser Repressionen.
Das Haus „Slowo“ in Charkiw, eines der Symbole der Rosstriljane widrodschennja. Foto: proslovo.com.
Les Kurbas und Mykola Kulisch waren einige der führenden Künstler ihrer Zeit. Ihr kreatives Tandem verkörperte das neue ukrainische Theater. Beide interessierten sich für zeitgenössisches europäisches Drama und Expressionismus. Das moderne Drama verzichtete auf das Wort als Handlung und zeigte stattdessen das Sein der Seele, ihre Bewegungen. Statt der alten Tradition und dem Minderwertigkeitskomplex zu folgen, entschieden sich die Künstler für absolute künstlerische Freiheit Sie verwendeten keine physischen Masken, sondern regten die Zuschauer:innen zum Denken und Fühlen in Bildern an – wie es auch in der europäischen dramaturgischen Tradition der Fall war. Genau so war das experimentelle Theater „Beresil“ von Kurbas, das 1926 von Kyjiw nach Charkiw umzog. Dort trafen sich die Künstler. Äußerlich sehr unterschiedlich: der elegante Kurbas, der Anzüge im englischen Stil trug, und der etwas unbeholfene Kulisch, der an gebrauchte Kleidung gewöhnt war. Doch die beiden vereinte eine fanatische Liebe zum Theater und ein Auge für die Errungenschaften des neuen Dramas und des Expressionismus.
Theater „Beresil“
Les Kurbas gründete das experimentelle Theater des ukrainischen Modernismus „Beresil“: er versuchte, nationale Traditionen des ukrainischen Theaters mit den neuesten Formen des europäischen zu synthetisieren.
Ukrainischer Regisseur, Schauspieler, Theatertheoretiker, Dramatiker, Publizist und Übersetzer Les Kurbas. Foto aus offenen Quellen.
Ukrainischer Schriftsteller, Regisseur und Dramatiker Mykola Kulisch. Foto aus offenen Quellen
„Beresil“ experimentierte ständig, war zeitgemäß und vermied den Weg des traditionellen, ethnographisch-alltäglichen Theaters. Les Kurbas orientierte sich an europäischen Tendenzen und lehnte interessanterweise Gastspiele in Moskau ab. Zusammen mit Mykola Kulisch brachten sie ihre Meisterwerke auf die Bühne von „Beresil“: „Myna Masailo“, „Narodnyj Malachij“ (dt. etwa Volks-Malachias) und „Maklena Grasa“, die sowohl Begeisterung als auch vernichtende sowjetische Kritik hervorriefen.
Aufführung von „Maklena Grasa“ im Theater „Beresil“. Foto: openkurbas.org.
Das Stück „Maklena Grasa“ ist symbolisch. Es thematisierte die zu der Zeit besonders dringliche Frage nach dem Schicksal des Künstlers in einer Gesellschaft. Die Inszenierung wurde sehr düster gestaltet: Sie ließen sogar die Sonne aus, zu der die Hauptfigur Maklena im Originaltext flieht. Es war die letzte Aufführung von Les Kurbas im „Beresil“ und das letzte Stück von Mykola Kulisch überhaupt. Bald darauf wurden beide Künstler verhaftet und 1937 in Sandarmoch erschossen, angeblich sogar mit einer einzigen Kugel.
Das Waldgebiet Sandarmoch
Ein Waldgebiet in der Republik Karelien (Russische Föderation). Dort wurden in den 1930er Jahren von den NKWD-Organen der UdSSR über 9.000 Personen von 58 Nationalitäten erschossen. Die Massenerschießung der ukrainischen kulturellen und wissenschaftlichen Elite fand im Zeitraum vom 27. Oktober bis zum 4. November 1937 statt. Der Ort des Verbrechens wurde 1997 entdeckt.Diese schrecklichen Ereignisse müssen in Erinnerung bleiben, denn sie formen auch das nationale Gedächtnis – einen wichtigen Bestandteil der Identität, die das russische Pseudo-Imperium zu zerstören versucht. Wir können nur vermuten, wie die ukrainische Kultur aussehen würde, wenn die sowjetische Macht diese und andere mächtige Künstler:innen nicht vernichtet hätte. Tetjana Filewska reflektiert:
„Wenn man sich vorstellt, dass die Künstler:innen der Erschossenen Renaissance überlebt hätten, bin ich mir sicher: Wir hätten heute kein Problem damit zu verstehen, warum wir Kultur brauchen. Unsere Kultur wäre stark, weltweit anerkannt und gefragt und hätte sich industriell, finanziell und werbetechnisch entwickelt.“
Die Sowjets sorgten dafür, dass die kreativen Errungenschaften von Les Kurbas und Mykola Kulisch in der UdSSR nicht erwähnt wurden – die Macht bezeichnete beide Künstler als „gefährlich”, sah in ihrer Tätigkeit eine Bedrohung für ihr Regime und beraubte sie ihrer Freiheit und ihres Lebens. Zum Beispiel wurde Les Kurbas 1933 nicht nur seines Titels als Volkskünstler der Republik beraubt, sondern auch aus seinem eigenen Theater vertrieben. Mykola Kulisch wurde aus der Partei ausgeschlossen, seine Werke „Narodnyj Malachij“ und „Myna Mazailo“ wurden verboten; 1934 wurde er verhaftet undder Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation angeklagt.
Dazu wurde in den 1930er Jahren die avantgardistische Suche nach neuen Ausdrucksformen durch den Sozialistischen Realismus als der einzig richtigen künstlerischen Methode ersetzt, so dass die Kunst der 1920er Jahre nun „inakzeptabel“ wurde.
Sozialistischer Realismus
Der sozialistische Realismus war eine pseudokünstlerische Methode, die von 1934 bis 1980 in der UdSSR die einzige offiziell genehmigte war. Künstler:innen mussten den Interessen der Partei dienen und sich an die ideologische Doktrin halten. Für eine wahrheitsgetreue Darstellung der sowjetischen Realität wurden sie der antisowjetischen Propaganda beschuldigt und unterdrückt.Glücklicherweise gelang es der sowjetischen Macht nicht, das Interesse der Ukrainer:innen an diesen kreativen Persönlichkeiten und ihrem Werk zu unterdrücken. Das Erbe beider Künstler ist immer noch aktuell, weshalb Zeitgenoss:innen sich immer wieder darauf beziehen und dafür sorgen, dass ihr Andenken angemessen geehrt wird. Zum Beispiel sind mehr als zehn Ortschaften in der Ukraine nach Les Kurbas benannt, in Lwiw trägt ein akademisches Theater seinen Namen, und in Kyjiw gibt es ein gleichnamiges Zentrum. Im Jahr 2022 wurde die bisher umfassendste Sammlung von Texten von Les Kurbas, „Die Philosophie von Kurbas“ (eine Neuauflage des Buches von 2001), veröffentlicht. Zu Ehren von Mykola Kulisch wurde ein Theater in Cherson benannt, Straßen in verschiedenen Städten der Ukraine, und die Verwaltung der Oblast Cherson gründete den regionalen Literaturpreis im Namen von Mykola Kulisch.
Mykola Hohol, Anatol Petryzkyj: von Russland vereinnahmte ukrainische Künstler
Bevor das Russische Kaiserreich die Ukraine eroberte und ihre Staatlichkeit zerstörte, herrschte dort ein hoch entwickeltes, intensives kulturelles Leben. Tetjana Filewska erzählt von der damaligen Zeit:
„Wir hatten Akademien, Künstler:innen, ein wunderbares Musikleben usw., aber im Moskauer Zarentum gab es all das nicht. Um die imperiale Größe aufzubauen, musste alles Beste, alles am meisten Entwickelte, ins Zentrum umziehen, aus der Provinz, zu der dieUkraine gemacht wurde. Dieses Verlangen, alles Ukrainische anzueignen, basiert auf dem Gefühl der Minderwertigkeit, das im Moskauer Zarentum im Vergleich zur Ukraine vorhanden war. Aber wer gründete all diese Einrichtungen in Moskau? Die Theophanu Prokopowitschs.“
Theophanu Prokopо́wytsch
Ein kollektives Bild hochgebildeter Persönlichkeiten aus Bildung und Religion in der Ukraine, die nicht nur den Interessen des Russischen Reiches dienten, sondern auch an der Schaffung der Grundlagen seiner Existenz beteiligt waren. Genannt nach Theophan Prokopowytsch: Theologe, Philosoph, Wissenschaftler, religiöser und bildungspolitischer Reformator, staatlicher Aktivist, Schriftsteller, Rektor der Kyjiw-Mohyla-Akademie (1711–1716). Er war ein Anhänger von Peter I., lobte ihn und seine Politik in seinen Werken, schlug ihm die griechische Variante des Namens Rus vor, um das Moskauer Kaiserreich umzubenennen; trug zur endgültigen Etablierung des Staatskirchentums im Russischen Kaiserreich bei; nach dem Umzug nach Sankt Petersburg wurde er zum Bischof geweiht, diente als Berater von Peter I. und gründete oder beteiligte sich an der Entwicklung verschiedener religiöser oder wissenschaftlicher Einrichtungen.Ein weiteres großes Risiko für ukrainische Künstler:innen (sowohl im zaristischen Russland als auch in der UdSSR) war die Frage der Selbstidentifikation. Sie wurden und werden oft unterschiedlich bezeichnet: mal als Ukrainer:innen, mal als Russ:innen. Manchmal ist dies ein Problem des chauvinistischen russischen Diskurses, der darauf abzielt, Künstler:innen zu vereinnahmen. Allerdings gibt es in der ukrainischen Geschichte zweideutige Figuren. Wer war beispielsweise Mykola Hohol – ein Ukrainer, der für das Russische Kaiserreich gearbeitet hat? Tetjana Filewska weist auf ähnliche Schwierigkeiten bei der Selbstbestimmung hin:
„Offensichtlich ist die Identität fließend und heterogen. Eine Person kann sich im Laufe des Lebens neu definieren und gleichzeitig Träger:in mehrerer Identitäten sein: ethnisch, kulturell, politisch, sozial. Die russische imperiale Aneignung kultureller Akteure ist problematisch, da sie dieser Komplexität beraubt und nur eine Identität, die russische, als dominant definiert. Der dekoloniale Ansatz ermöglicht es, die wahre Komplexität der Identität zu offenbaren.“
Porträt von Mykola Hohol, Fedir Moller, 1840. Quelle: Tretjakow-Galerie.
Selbst in der ukrainischen Literaturszene gibt es verschiedene Meinungen zu Mykola Hohol. Für einige ist er ein Schriftsteller, der die „falsche“ Wahl getroffen hat und dafür gebüßt hat; für andere ist er ein Kind seiner Zeit, und wiederum für andere sogar ein geheimer Kritiker des Imperiums. Jede dieser Versionen stützt sich auf bestimmte Fakten aus der Biografie des Künstlers, seine Werke, seine Briefe usw. Daher ist es schwierig zu beantworten, wozu Hohols „gespaltene Identität“ tatsächlich tendierte.
Dennoch sollte man die Bedeutung von Mykola Hohol für unsere Kultur nicht leugnen und ihm seinen Platz in unserem Erbe nicht verwehren. Herausragende ukrainische Schriftsteller und Kulturschaffende – Taras Schewtschenko, Pantelejmon Kulisch, Mychaijlo Drahomanow – sahen ihn konsequent als ukrainischen Schriftsteller, der nur auf Russisch schrieb. Ja, bei Hohol kann man Beispiele für russischen Chauvinismus finden, aber das war offensichtlich seine Überlebens- und Anpassungsstrategie im Imperium. Ukrainophob war der Schriftsteller nicht. Zeit seines Lebens erforschte er ukrainische Geschichte und sammelte Folklore, was sich auch in seinen Werken widerspiegelt. Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Jewhen Malanjuk bewunderte beispielsweise dieses Zitat aus der Erzählung „Die Mainacht, oder Die Ertrunkene“: „Kennen Sie die ukrainische Nacht? Oh, Sie kennen die ukrainische Nacht nicht! Schauen Sie genau hin: Vom Himmel herab schaut der Mond. Das unermessliche Himmelsgewölbe hat sich geöffnet und sich noch unermesslicher erweitert. Es brennt und atmet. Die ganze Erde ist im silbernen Licht; und die seltsame Luft weht und ist warm und kühl zugleich, atmet Zärtlichkeit und verbreitet einen Ozean von Düften. Göttliche Nacht! Zauberhafte Nacht!“.
Das Gemälde „Mondnacht auf dem Dnipro“ von Archyp Kujindschi, 1880. Quelle: Staatliches Russisches Museum.
Natürlich träumte Mykola Hohol nicht ununterbrochen von einer strahlenden Zukunft der ukrainischen Nation, daher sollte man ihn auch nicht heroisieren. Heute sehen ihn die Russen als einen der ihren: Auf der Website der russischen Nationalbibliothek, in Dutzenden von Enzyklopädien und Lehrbüchern, in der russischsprachigen Version von Wikipedia und natürlich in den meisten russischen Medien wird er als „russischer Prosaschriftsteller, anerkannt als einer der Klassiker der russischen Literatur“, „einer der größten Schriftsteller der russischen Literatur“ usw. bezeichnet. Es gibt jedoch keinen ausreichenden Grund, Mykola Hohol Russland „auszuliefern“. Vor allem, da das Leben für Schriftsteller im Imperium, wie Tetjana Filewska erzählt, nicht einfach war:
„Durch die Aneignung und Ausbeutung des Ukrainischen nährte sich Russland von den erworbenen Talenten. Einerseits waren dies Ressourcen, die es dem Imperium ermöglichten, weiter voranzukommen. Andererseits muss man sich bewusst sein: Das Leben in Imperialzeit bedeutet, dass man sich entweder anpasst und die Identität des Kolonisators annimmt, oder das Imperium einen zermahlt und vernichtet. Von dieser persönlichen Wahl hing das Schicksal der Künstler:innen und ihr Einfluss auf die russische Kultur ab.“
Ein Diebesstaat wird solche ambivalenten Diskurse wie „russischer oder ukrainischer Schriftsteller“ nur nutzen und verzerren, um den für sich nötigen zu schaffen.
Ein nicht weniger dramatisches Schicksal als das von Hohol traf den Künstler Anatol Petryzkyj. Er wurde nicht unterdrückt, wie viele seiner Freund:innen und Kolleg:innen. Die Sowjetunion hat sich jedoch das Wichtigste für den Künstler angeeignet und zerstört – sein Talent.
Das Titelblatt der Zeitschrift „Nowe Mysteztwo” („Neue Kunst“) mit einem Selbstporträt von Anatol Petryzkyj. Foto aus offenen Quellen.
Der Schüler von Alexandra Exter und Wassyl Krytschewskyj, Anatol Petryzkyj war ein richtiger Star in der ukrainischen Kunst der 1920er Jahre, ein Genie der ukrainischen Avantgarde. Der Künstler versuchte sich unermüdlich in verschiedenen Bereichen: Theater, Staffeleimalerei, Buchillustration, Redaktion der Zeitschrift „Literaturnyj Jarmarok” („Literarischer Jahrmarkt“). Seine Werke nahmen die Bewegung und den Rhythmus der Zeit auf und hatten auch einen lebhaften nationalen Charakter. Im Jahr 1930 wurde Anatol Petrytzkyjs Gemälde „Die Invaliden“ sogar für die 17. Biennale von Venedig ausgewählt – eine internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst.
Das Gemälde „Die Invaliden“ von Anatol Petryzkyj, 1924. Quelle: Nationalmuseum der Künste der Ukraine.
In „Die Invaliden“ stellte der Autor die Folgen des Ersten Weltkriegs dar. Daher fand das Werk im Nachkriegseuropa großen Anklang und war sehr erfolgreich. Nach der Biennale wurde es in eine internationale Ausstellung aufgenommen, die Berlin, Bern, Genf, Zürich und sogar New York bereiste. Sammler wollten das Gemälde kaufen, aber Anatol Petryzkyj war der Meinung, dass es in die Ukraine zurückkehren sollte. So geschah es auch, aber in der Sowjetunion wurde das Werk ganz anders wahrgenommen. Es gab nämlich ideologische Veränderungen im Bereich der Kunst: Der Sozialistische Realismus wurde als die einzig richtige künstlerische Methode eingeführt; und die avantgardistische Kunst wurde von der Regierung des Formalismus und der Verzerrung der Realität beschuldigt, die angeblich eine Bedrohung für die neue Gesellschaft darstellen.
Was in den 1920er Jahren erlaubt war, wurde in den 1930er Jahren für die Künstler zu einem Urteil. Anatol Petryzkyj lebte und arbeitete im Charkiwer Haus „Slowo“, dessen Bewohner mehrheitlich Opfer von Repressionen wurden. Eine Serie von Porträts, die er in den 1920er Jahren anfertigte, zeigte genau jene Schriftsteller:innen, Dramatiker:innen und Künstler:innen, die im folgenden Jahrzehnt in Lager geschickt und/oder erschossen wurden. Nicht nur die Künstler:innen verschwanden, sondern auch ihre Porträts – von über hundert blieben nur etwa zehn übrig, die uns heute an die zerstörte Generation der ukrainischen Intelligenz und die Notwendigkeit erinnern, unser historisches Gedächtnis zu bewahren.
Porträt von Mychajlo Semenko, Anatol Petryzkyj, 1929. Quelle: Nationalmuseum der Künste der Ukraine.
Porträt von Pylyp Kozytskyj, Anatol Petryzkyj, 1931. Quelle: Nationalmuseum der Künste der Ukraine.
Porträt von Hordij Kotsjuba, Anatol Petryzkyj, 1925-31. Quelle: Nationalmuseum der Künste der Ukraine.
Wie durch ein Wunder entkam der Künstler der Repression – er lebte bis zu seinem 70. Lebensjahr und passte sich sogar den neuen Realitäten an. Doch gerade darin liegt die Tragik seines Schicksals: der Künstler musste sich selbst verleugnen. Avantgardistisches Suchen, Rhythmus, Bewegung und Klang der neuen Zeit, nationaler Kolorit und weltweite Anerkennung – all das blieb für ihn in den 1920er Jahren. Anatol Petryzkyj verließ die Welt voller komplizierter Gefühle, er war gebrochen. Dies bezeugt beispielsweise die Erinnerung der Malerin Tetjana Jablonska, die 1930-1944 im Haus „Slowo“ lebte: „Im Jahr 1952 besuchte ich Krakau und überzeugte mit jugendlichem Komsomol-Eifer die Krakauer Abstraktionist:innen von den Vorteilen des Sozialistischen Realismus. Zurück in Kyjiw erzählte ich unseren Künstler:innen vom Verfall der westlichen Kultur. Petryzkyj kam zu mir und sagte: ‚Warum sprechen Sie über das, was Sie nicht kennen?‘. Ich schämte mich. Am nächsten Tag sollte Petryzkyj bei einer Parteiversammlung sprechen und von der Tribüne aus, als Sekretär der Parteiorganisation, geißelte er den ‚verfaulten Westen‘ mit meinen Worten von gestern.“
Arbeit von Anatol Petryzkyj: Skizze eines Theaterkostüms für die Oper „Turandot“, 1928. Quelle: Museum für Theater-, Musik- und Kinokunst der Ukraine.
Kostümskizze für die Aufführung „Wij“, 1925. Foto aus offenen Quellen.
Nennenswert ist auch eine weitere Kategorie von Künstler:innen – die Emigrant:innen. Nicht alle träumten von Migration viele waren gezwungen, in die weite Welt zu flüchten, um zu überleben und sich und ihre Kunst nicht vom System brechen zu lassen.
In der Geschichte der Ukraine gibt es vier Emigrationswellen (1880–1920; 1920–1930; 1940–1954; von 1987–2014, in einigen Quellen – bis heute). Jahrelang hat die sowjetische Macht die Ukrainer:innen verurteilt und verschwiegen, die schon weltweit bekannt und geschätzt wurden. Dies stellt die Ukrainer:innen von heute vor eine weitere Herausforderung der Dekolonisierung – das ukrainische Kulturerbe in seiner ganzen Bandbreite zu begreifen.
Eine solche Künstlerin im Exil war Sonia Delaunay. Anfang des 20. Jahrhunderts verschlugen die Umstände die Künstlerin aus Odesa nach Paris, daher wurde in der Sowjetzeit offiziell nicht über sie gesprochen, ihr Name war nur einem engen Kreis von Künstler:innen bekannt. Gleichzeitig erreichte Delaunay in Frankreich große Erfolge.
Sonia Delaunay vor dem Hintergrund ihrer Werke. Foto aus offenen Quellen.
Sonia Delaunay ist die erste Frau weltweit, deren persönliche Ausstellung im Louvre, dem Pariser Kunstmuseum, stattfand. Ihre Werke befinden sich in den Sammlungen des Museum of Modern Art in New York und des Nationalen Zentrums für Kunst und Kultur Georges Pompidou in Paris. Sie wurde zu einer der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und einer Modeikone. Zusammen mit ihrem Ehemann Robert Delaunay schuf sie auch ihren eigenen Kunststil – den Simultanismus, oder Orphismus, wie ihn der französische Dichter Guillaume Apollinaire nannte.
Sonia und Robert Delaunay. Foto aus offenen Quellen.
Das Paar behauptete, Simultanismus sei die Darstellung der Bewegung der Farbe im Licht. Sie malten konzentrische farbige reise und andere geometrische Figuren, die durch ihre Anordnung ein Gefühl von Dynamik und Interaktion erzeugen.
Das Gemälde von Sonia Delaunay „Rhythmus“, 1938. Quelle: Nationalzentrum für Kunst und Kultur Georges Pompidou.
Das Gemälde von Sonia Delaunay „Komposition“, 1977. Quelle: Museum of Modern Art in New York.
Die Ideen des Simultanismus entwickelte Sonia Delaunay nicht nur auf Leinwänden, sondern auch in der angewandten Kunst: Sie entwarf Kleidung und Schuhe, Theaterkostüme, Stoffe und Teppiche für französische Fabriken und illustrierte Bücher, beschäftigte sich mit Keramik und Glasmalerei und gestaltete sogar Autos.
Cover des britischen Vogue von 1925 mit einem „simultanen“ Kleid von Sonia Delaunay. Foto aus offenen Quellen.
Die Künstlerin lebte zwar in Frankreich und schuf unter dem Einfluss dieser Kultur, aber gleichzeitig erkennen Kunsthistoriker einstimmig in ihren Werken ukrainischen Kolorit. Sie vergaß die Ukraine nicht. In ihrem Erinnerungsbuch schrieb sie: „Ich liebe leuchtende Farben. Das sind die Farben meiner Kindheit, die Farben der Ukraine“. Somit ist das Schaffen von Sonia Delaunay auch für die Ukraine wichtig, denn es ist auch ein ukrainisches Erbe.
Ein weiterer bekannter Künstler aus der Ukraine ist Olexandr Archypenko, Bildhauer, Maler und Grafiker. Er ist der Begründer des Kubismus in der Bildhauerei und der erste Ukrainer, der an der Biennale in Venedig teilnahm (1920). Der Bildhauer wurde weltberühmt, doch in der Ukraine ist sein Name immer noch nicht allgemein bekannt.
Kubismus
Eine avantgardistische Strömung in der bildenden Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, die sich durch betont geometrische Formen der dargestellten Objekte auszeichnet. Als Bildhauer übernahm Olexandr Archypenko der Malerei den Umgang mit Formen; daher entfaltet sich in seinem Kubofuturismus ein endloser dynamischer Kreislauf aus Winkeln, Kreisen, Kegeln, Rauten.
Olexandr Archypenko, Bildhauer, Maler und Grafiker. Foto aus offenen Quellen.
Olexandr Archypenko wurde in Kyjiw geboren, studierte eine Zeit lang in Moskau und zog dann nach Paris, wo er seine Ausbildung an der Pariser Kunstschule fortsetzte. Später ging er nach Berlin und dann in die USA. Der Bildhauer geriet in die Strömung des dortigen künstlerischen Lebens und mehr noch – er konnte es für immer verändern. Der Name Olexandr Archypenko steht völlig zu Recht neben denen von Henri Matisse, Pablo Picasso, Georges Braque, Fernand Léger und Kasymyr Malewytsch. Sein Schaffen hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung der modernistischen Kunst weltweit.
Skulptur „Frau, die ihr Haar kämmt“, von Olexandr Archypenko 1915. Quelle: Tate Modern Galerie in London.
Olexandr Archypenko war einer der ersten Künstler weltweit, der die expressiven Möglichkeiten der „Null“ – oder Durchgangsform nutzte, d.h., er arbeitete nicht nur mit greifbaren Materialien, sondern auch mit dem Raum als Abwesenheit von allem, der jedoch nicht seiner Ausdrucksmöglichkeiten beraubt ist und jedes Objekt gut ergänzen kann. Ein leuchtendes Beispiel ist die Leere unter dem Arm in der Skulptur „Frau, die ihr Haar kämmt“ aus dem Jahr 1915.
Olexandr Archypenko schuf eine neue Relief-Art, und zwar diesogenannte SkulptoMalerei. Er entdeckte und begründete auch die Prinzipien der beweglichen Malerei und konstruierte einen speziellen, zu seiner Zeit innovativen Mechanismus – die Archipentura. Dies ist ein Gerät, in dem ein spezieller Mechanismus farbige Streifen so dreht, dass ein neues Bild entsteht, d.h., es entsteht die Illusion einer Bewegung. Nach diesem Prinzip funktionieren moderne Werbetafeln mit wechselnden Bildern. Ohne die Erfindungen von Olexandr Archypenko sind moderne Skulptur und Design kaum vorstellbar.
Skulptur „Blauer Tänzer“ von Olexandr Archypenko, 1913. Quelle: Londoner Auktionshaus Christie’s.
Skulptur „Gondoliere“ von Olexandr Archipenko, 1914. Quelle: The Metropolitan Museum of Art.
Trotz seines Erfolgs im Ausland vergaß Olexandr Archypenko seine Wurzeln nicht. Er nahm an Ausstellungen mit ukrainischen Künstler:innen teil und wurde Mitglied der Lwiwer Vereinigung unabhängiger Meister der Ukraine. Im Jahr 1934 spendete er seine Skulptur „Die Vergangenheit“ für eine Wohltätigkeitsauktion, um seinen vom Hunger betroffenen Landsleuten zu helfen.
Olexandr Archypenko in seinem Atelier. Foto aus offenen Quellen.
Zurück in die Ukraine kehrte, kann man so sagen, kehrte Olexandr Archypenko erst 2004, als in Kyjiw eine Ausstellung seiner Werke stattfand. Heute können Skulpturen des Künstlers im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine in Kyjiw und im Nationalmuseum in Lwiw gesehen werden. Es ist jedoch noch viel Arbeit zur Wiederaneignung (Überwindung der kulturellen Aneignung) von Olexandr Archypenko nötig, damit er in der ukrainischen Kultur verwurzelt ist, und im Ausland nicht mehr nur als Amerikaner oder russischer Künstler wahrgenommen wird.
Das Beispiel von Olexandr Archypenko zeigt deutlich, wie ungünstig die Bedingungen für freidenkende Künstler:innen in der UdSSR waren und wie es der Macht gelang, sowjetische Menschen vom internationalen Kontext zu isolieren. So sehr, dass die Namen ihrer herausragenden Künstler:innen kaum oder gar nicht bekannt waren.
Wie Ukrainer:innen heute handeln sollten
Man kann nur spekulieren, wie sich die ukrainische Kultur ohne russische Einmischung entwickelt hätte. Kurbas und Kulisch hätten sicherlich noch nicht eine geniale Aufführung zusammen gemacht, Hohol hätte vielleicht nicht unter innerer Zerrissenheit gelitten, und Delaunay wäre in die Ukraine gekommen und hätte ihre Werke als Erbe hinterlassen. Aber das werden wir nie erfahren. Die Aufgabe der Ukraine ist es, diese Geschichte zu verarbeiten und alles Mögliche zu tun, damit ähnliche schreckliche Dinge mit Kulturschaffenden in der Zukunft nicht wieder passieren. Ein Schritt dazu ist, die Gründe zu verstehen, warum unsere Kultur gezielt und systematisch entwertet wurde. Tetyana Filevska nennt sie:
„Offensichtlich wurde die ukrainische Kultur, ihre Bedeutung und Anerkennung [von Russland] absichtlich herabgesetzt. Wenn die Ukraine zur Zeit des Kosakenstaates und auch im Mittelalter eine sehr entwickelte Kultur hatte, so wissen heute nur wenige darüber, außer vielleicht spezialisierte Experten. Dieses Verschweigen und Herabsetzen der Bedeutung geschah, um die Grundlagen für unseren Kampf um Souveränität auszulöschen. Das Verständnis der grundlegenden Menschenrechte, die auch auf ihrer Identität und Einzigartigkeit, dem Recht, man selbst zu sein, nach eigenem Wunsch zu leben, nach der Vorstellung vom Leben, sich selbst zu verwirklichen, basieren, – all dies stützt sich auf das Wissen, wer du bist und wer deine Vorfahren waren.“
Das Wichtigste im Dekolonisierungsprozess ist vor allem die Forschungsarbeit. Es ist notwendig, mit Archiven zu arbeiten, Forschungen durchzuführen, Filme zu drehen und Bücher zu veröffentlichen, thematische Ausstellungen zu organisieren usw., um die Lücken zu füllen, die durch die Kolonisierung entstanden sind. Es müssen auch Bildungsprojekte für die breite Öffentlichkeit durchgeführt werden. Dies umfasst Inhalte in den Medien und sozialen Netzwerken, verschiedene Festivals, Zeichen der Präsenz der ukrainischen Kultur im öffentlichen Raum, wie touristische Routen oder Gedenktafeln. Tetyana Filevska betont:
„Wenn wir die Kultur an letzter Stelle setzen (in politischer Priorität, in der Finanzierung) – spielen wir dem Feind in die Hände. Und diese Unterschätzung hat ihre Wurzeln genau in dieser imperialen Politik: Unterdrückung, Zurückhaltung, Entwertung. Sie (die Russen – Red.) haben Jahrhunderte lang daran gearbeitet, damit wir so über unsere Kultur denken – über das Wichtigste, was wir haben.“
Der Staat muss die Dekolonisierungsbewegung unterstützen. Tetyana Filevska betont, dass Bedingungen für Forschung und Diskussionen geschaffen werden müssen, sowie ein sicherer Raum für das Zusammenwirken verschiedener Dimensionen und Aspekte des Gedächtnisses:
„Dekolonisierung gibt allen das Recht auf Erinnerung und Vergebung. Also muss der Staat hier Politiken entwickeln, die es erlauben, eine Vergangenheit zu haben, auch wenn sie mit einer kriminellen Macht verbunden ist. Das ist eine schwierige Aufgabe, deshalb will sich niemand damit beschäftigen, aber wir haben keine Wahl. Es ist unvermeidlich.
Dennoch können wir bereits Erfolge der Ukraine sehen. Seit 2023 gibt es zum Beispiel in Kyjiw endlich eine Straße, die nach Alexandra Exter benannt ist, einer weltbekannten Avantgarde-Künstlerin, die etwa 30 Jahre in der Stadt gelebt hat. Und sogar ausländische Museen beginnen allmählich, ukrainische Künstler:innen zu dekolonisieren, wie zum Beispiel das Metropolitan Museum of Art in New York, das in diesem Jahr den Künstler Archyp Kuindzhi aus Mariupol als Ukrainer und nicht als Russen anerkannt hat.“
Das Gemälde von Alexandra Exter „Brücke. Sevr“. Quelle: Nationalmuseum der Künste der Ukraine.
Für Ukrainer:innen ist es notwendig, über ihre eigene Identität zu reflektieren, indem sie unterscheiden, was ihr Eigenes ist und was vom Imperium aufgezwungen wurde. Danach ist es sehr wichtig, das zurückzuholen, was wir vergessen oder verloren haben. Nur so kann man die wahre Bedeutung einer Kultur finden, die kolonisiert wurde.