Druschkiwka: das letzte Stück Halva

Druschkiwka: das letzte Stück Halva

30. April 2026

Ein Polizist, der den Himmel über einem bereits vom Beschuss getroffenen Haus abcheckt; Rettungskräfte, die hier nicht mehr wohnen, sondern nur mit gepanzerten Fahrzeugen zu ihren Schichten anrücken — sie alle sagen dasselbe wie auch der Kämpfer mit dem Rufnamen “Achmet” aus der Asow-Einheit: „Druschkiwka ist dem gleichen Schicksal wie Kostjantyniwka ausgesetzt“. Tatsächlich ist die Dynamik der Verschlechterung in der Stadt Druschkiwka sichtbar. Manche Rettungskräfte und Polizisten dienten zuerst in den Städten Wolnowacha oder Mariupol, wechselten dann in die Einheiten nach Pokrowsk oder Bachmut, weiter nach Tschassiw Jar und Kostjantyniwka, nun sind sie hier. (Anm. d. Übers.: die genannten Städte sind bereits völlig oder teils vom Feind besetzt.)

Frontnahe Städte
Text von Myroslaw Lajuk, Fotos von Wjatscheslaw Ratynskyi

Ein Monat

Am 20. Dezember 2025 rasten wir mit hoher Geschwindigkeit aus Kostjantyniwka flüchtend in die nächstgelegene Stadt Druschkiwka, um einer Kamikaze-Drohne zu entkommen. Damals gab es hier noch einen Burgerladen, wo Soldaten und Zivilisten saßen — ein trügerisches Gefühl von Hinterland.

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Einen Monat später, im Januar 2026, treffen wir anderthalb Stunden nach einem Raketeneinschlag im Zentrum ein — ein Toter, zwei Verletzte. Eine ältere Passantin schildert ausführlich, was sie gesehen hat. Elektriker reparieren die Stromleitungen. Das Denkmal für die Gefallenen des russisch-ukrainischen Krieges ist beschädigt, ebenso wie das Denkmal für den Kosaken Druzhko, der angeblich die Stadt gegründet haben sollte.

Auch der Burgerladen wurde getroffen — aus den eingeschlagenen Fenstern starrt die Dunkelheit. Doch wer genauer hinsieht, merkt: Trotz der Trümmer läuft der Betrieb weiter, es wurde im Laden sogar schon oberflächlich aufgeräumt. Kurz darauf, nachdem der erste Schock nach dem Einschlag nachlässt, versammeln sich die Taxifahrer auf dem Platz. Da sich nur Wenige trauen, zum Burgerrestaurant persönlich zu gehen, werden Bestellungen angenommen, die dann in verschiedene Stadtteile geliefert werden.

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Die Taxifahrer interessieren sich für unseren Drohnendetektor, dessen Display aufleuchtet und der zu piepen beginnt, sobald Drohnen in der Nähe sind. Und dann dieses Piepen:

„Scheiße, das Ding fliegt genau über mein Haus, das Drecksding!“ — flucht einer der Taxifahrer.

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Die Ausgangssperre in Druschkiwka dauert von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr morgens. Vor einem Monat gab es hier überall Warteschlangen: bei der Handyreparatur, in der Apotheke, beim Bäcker. Ich erinnere mich an einen älteren Mann, der mit seinem Moped „Delta“ aus dem Vorort kam. Er erzählte, er habe es 2008 gekauft und sei damit schon 16.000 Kilometer gefahren. Er brach jedoch das Gespräch rasch ab und rannte zur Tür des Handyreparaturservices, weil eine Frau, die gerade erst gekommen war, versuchte, sich vor ihn reinzukommen.

Nun, einen Monat später, sind in der Stadt kaum noch Zivilisten zu sehen.

Über den zentralen Platz gehen zwei Soldaten, gefolgt von einem Welpen. Wir fragen nach dessen Namen. Sie erzählen, dass sie ChatGPT gefragt haben, wie sie den Hund nennen sollen. Die KI bat um ein Foto. Sie schickten eines ab. ChatGPT antwortete darauf:

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„Oh, was für ein hübscher Hund. Nennt ihn entweder Pirat oder Barnik.“

Musik

Maryna legt die Besen beiseite und geht, um sich in der Schlange vor der Apotheke anzustellen.

„Das ist alles mein Revier“, sagt sie und zeigt umher. „Das alles habe ich heute Morgen sauber gemacht: Zigaretten, Packungen, verendete Tauben…“

Sie ist 56, lebt mit ihrer 86-jährigen Mutter und ihrem behinderten Ehemann zusammen. Vor kurzem, als Maryna hier arbeitete, detonierte eine russische ‚Gerbera‘-Drohne in ihrer unmittelbaren Nähe. Zum Glück fing ihr Rucksack den Splitter ab — sie kam mit einer Gehirnerschütterung und Fleischwunden davon.

„Sie kam aus der dortigen Richtung angeflogen“, Maryna zeigt auf das Gebäude vor uns. „Ich hatte keine Zeit zu reagieren. Ich drehte mich nur um… und begriff erstmal gar nichts.“

Früher arbeitete Maryna als Pflegehelferin in einem Internat für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen. Davor war sie Kranführerin. Sie arbeitete bei einem der größten Schwermaschinenbau-Unternehmen Europas — dem Nowakramatorsk Maschinenbauwerk.

„Das waren Fünfzig-Meter-Kräne! Und die Tauben haben sich dort oben ständig aufgewärmt. Sie sind auf dem Kran mit uns mitgefahren. Ich sag’ euch was über Tauben: Sie sind dumm, fressen alles, was ihnen vor den Schnabel kommt. Und dann krepieren sie. Ich mag es einfach nicht, wenn sie selbst den Tod suchen.“
Einst fuhr Maryna mit dem Bus und der Straßenbahn zur Arbeit.

„Unser ganzes Leben lang fuhren hier Straßenbahnen, ich erinnere mich seit meiner Kindheit daran. Tja, Straßenbahnen wird es bei uns nicht mehr geben… Schade um die Stadt. Ich habe gerade eben noch geweint.“

Die Frau wischt sich die dunklen Augen. Sie blickt umher: Hier im Zentrum wirken die Straßen trotz der Zerstörungen, der vernagelten Fenster und der mit Sandsäcken verbarrikadierten Kioske immer noch ordentlich.

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Außer allem anderen liebt Maryna auch Musik:

„Ich mag Deep House. Nur Jazz verstehe ich nicht. Blues geht noch, aber Jazz… den verstehe ich einfach nicht. Ich liebe Chorgesang — ich habe viele Jahre lang selbst im Chor gesungen“, lacht sie. „Ich mag ‚Sektor Gasa‘ (Anm. d. Übers.: Eine russische Punkrock-Band, die in den 90er Jahren populär war). Ich war jung, und das war unsere Musik. Das kann man nicht ändern. Ich mochte Ronnie James Dio sehr. Ich bin eine Musikliebhaberin, ich höre alles. Sogar Country mag ich. Und ich liebe ukrainische Volkslieder. Ich komme aus einer Familie, wo viel und gern gesungen wurde. Ich finde, es gibt nichts Schöneres als ukrainische Volkslieder. Aber nur die echten Volkslieder, wohlgemerkt.“
„Was ist Ihr Lieblingslied?“
„‚Oj tam na hori‘ (Anm. d. Übers.: Dort oben auf dem Berg).“

Doch seit ihrer Verwundung höre sie seltener Musik über Kopfhörer. Früher schaltete sie die Musik immer ein, wenn sie zur Arbeit ging. Jetzt hat sie Angst, dass sie eine herannahende Drohne nicht hören werde.

„Hier wurde ich geboren, hier werde ich auch sterben“, scherzt sie und geht zur Apotheke, wo sich bereits einige Leute versammeln.

Kostjan und Joseph

Im Park weiter die Straße hinunter raucht es: In einem durch den Einschlag entstandenen Krater werden zerbrochene Äste von zwei Kommunalarbeitern, einem Mann und einer Frau, verbrannt. Die Erde, die durch die Wucht der Explosion hochgeschleudert wurde, klebt an den Bäumen ringsum.

Der Mann heißt Wiktor, er ist 66 und arbeitet hier, weil er nur 3300 Hrywnja Rente bekommt. Die Frau nennt ihren Namen nicht, aber sie erklärt, warum sie die Stadt noch nicht verlassen hat. Ihre Begründung klingt ähnlich wie es auch manche andere hier sagen: „Wir werden nirgendwo gebraucht.“

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In der Nähe befindet sich ein Kino mit Graffitis: “Es lebe das Kino” und “Wo ist das Kino?“. Weiter die Straße entlang steht ein Gebäude im klassischen Stil, nur dass die Säulen umgestürzt und halb abgeschlagen sind. Unweit von Druschkiwka gibt es ein außergewöhnliches geologisches Naturdenkmal — versteinerte Bäume, etwa 250 Millionen Jahre alt. Diese Säulen erinnern an jene Bäume, in ihrer Form ebenso wie in dem Eindruck, sie könnten hier noch lange stehen — während alles, was uns bevorsteht, so ungewiss wirkt, als gäbe es die Zeit nicht mehr.

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Im Fenster dieses klassischen Gebäudes sind Regale voller Bücher zu sehen. Wir gehen um das Gebäude herum, da der Eingang verschüttet ist, und gelangen in eine Bibliothek. Überall liegen verstreute Leseausweise, Bücher stapeln sich in großen Haufen auf dem Boden, aber noch mehr stehen in den Regalen. Schränke mit Karteikarten und vertrocknete Topfpflanzen. In einem der Räume hängen Porträts von Bulgakow, Tolstoi, Hemingway und Kafka an der Wand.
Durch das zerbrochene Fenster sehe ich, wie im Hof zwei Männer Holzsplitter auf einen Karren laden.

Kostjan und Joseph nennen sie sich.

„Wie ist das Leben hier?“
„Tja, geht so“, sagt Joseph.
„Die Leute ziehen weg“, wendet Kostjan ein.

„Schöna!“ ruft Josef dem großen Hund zu , der uns beißen will.
„Warum Schöna?“ frage ich.
„Weil sie schön ist“
Der Mann setzt sich auf den Bordstein und streichelt seinen weißen Vollbart.

„Sie sehen aus wie Hemingway. Haben Sie Hemingway gelesen?“
„Ja, alte Mann und das Meer‘. Das ist sehr berührend.“

Joseph liebt Bücher und Frauen. Er sagt, er kenne viele „alte Franzosen“ – Maupassant, Zola, Balzac.

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„Mögen Sie solche Frauen wie bei Balzac?“

Aber er beantwortet diese Frage nicht.

„Haben Sie eine Frau? Kinder?“
„Ich habe zwei Frauen.“
„Wie ist es?“
„Inoffizielle.“
„Lebten sie alle zusammen?“
„Ich, die Frau und das Kind.“
„Aber Sie sagen, Sie haben zwei Frauen.“
„Von Zeit zu Zeit.“
„Gab es eine Zeit, in der Sie mit beiden zusammengelebt haben?“
„Soll das etwa ein Witz sein?“
„Naja, ich weiß nicht.“
„Ich hatte Sex mit beiden gleichzeitig.“
„Genau mit diesen?“
„Nein.“
Schöna will uns wieder beißen. Joseph und Kostjan verscheuchen sie und gehen weg, den Karren mit den Holzsplittern hinter sich herziehend.

Glas

Ganz in der Nähe finden wir mehrere Häuser, die am Vortag beschossen wurden. Die 75-jährige Olha zeigt ihre Wohnung im Erdgeschoss. Als es einschlug, lag sie auf dem Sofa. Die Druckwelle hob die Decke, mit der sie zugedeckt war, in die Luft, so wurde vor den Glassplittern gerettet. Olha tritt an das Fenster, wo eine erfrorene Topfpflanze steht — das Glas wird nur noch von der Gardine gehalten. Ein Ruck, und alles würde auf die Frau fallen.

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Alle Nachbarn von Olha räumen auf. Überall klirrt Glas. Die 90-jährige Laryssa aus dem dritten Stock klagt ebenfalls: Das Fenster sei herausgerissen worden, sie muss nun allein alles aufräumen. Sie hat Enkelkinder, doch die leben in Moskau.

„Rufen sie Sie an?“
„Nein, sie rufen mich nicht an, und ich rufe sie auch nicht an.“
„Wie lange haben Sie schon nicht mehr mit ihnen gesprochen?“
„Sie waren erst bei WhatsApp, dann sind sie zu Telegram gewechselt. Aber bei Telegram habe ich nicht verstanden, wie das geht.“

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Man sagt uns, wir sollen zum Haus Nummer 40 gehen, zum sechsten Eingang. Dort lebe ein Mann, der kaum hören und sehen kann und dazu noch schwer verletzt sei. Wir gehen ein paar Dutzend Meter und steigen einige Stockwerke hoch.

„Was ist bei Ihnen passiert?“, fragen wir den 60-jährigen Witalij, der eine ausgehängte Tür beiseite schiebt, damit wir eintreten können.
„Was meint ihr?“
„Na ja, was hier geschehen ist. Ein Einschlag?“
„Verdammt!“, ruft er und blickt durch den Türrahmen. — „Ich verstehe nicht, was Sie mir da sagen. Ich bin taub!“
Er blickt an uns vorbei. Wir wiederholen die Frage.

„Na, kommen Sie rein“, sagt er, „sehen Sie sich das selbst an.“

Witalij fragt bei jedem Satz mehrmals nach. Auf dem Boden steht ein Kasten mit Schraubenschlüsseln. In einem der Zimmer ist schon aufgeräumt. In allen anderen liegen Trümmer.

„Ich sehe schlecht, und mit dem Gehör ist es auch nicht gut. Als es knallte“, lacht er, „da bin ich wohl noch tauber geworden.“

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Er lebt allein. Neulich half ihm ein Bekannter, aber dieser ist schon nach Hause gegangen. Witalij wird die Nacht woanders verbringen, weil es hier unmöglich ist. Er sagt, die einzige Hilfe, die er brauche, sei, beim Aufräumen zu helfen. Er beschloss, pro Tag je ein Zimmer zu putzen:

„Ich schaffe das alleine“, lächelt Witalij.

Als wir durch die Räume gehen, schraubt er den Wasserboiler wieder fest, der in die Badewanne gefallen ist. Er sagt aus dem Flur:

„Ich mache die Tür zu, es zieht.“

Er nimmt die aus den Angeln gerissene Tür und lehnt sie vor die Türöffnung.

In einem der Zimmer sind die Fototapeten mit Schwänen noch erhalten. Und da ist auch der zertrümmerte Balkon. Von oben sieht man Menschen, die Bretter sägen, um damit die Fenster zu vernageln.

Wind. Die Schreie der Nachbarn. Das Brummen von Werkzeugen.

„Sanja, bist du das?“, sagt Witalij, als er unser Rascheln hört. Er dachte wohl, wir wären schon gegangen.
„Nein, das sind wir.“
„Sanja?“

Wir rufen etwas lauter.

„Ah!“, lacht er.

Rote Autos

Neben den Angriffen auf Wohnhäuser wurden vor vier Tagen auch Rettungskräfte beschossen. Stas Ruban, ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes, führt uns in die Garage und zeigt uns das Auto, das getroffen wurde. Auf dem roten Lack sind die schwarzen Spuren der Splitter deutlich zu erkennen.

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Das Feuerwehrauto ist mit einem Metallgitter verkleidet. Daneben steht ein Fahrzeug mit der Aufschrift „Kostjantyniwka“ — es konnte noch rechtzeitig aus der zerstörten Stadt gebracht werden. Vier Kollegen von Stas, die verletzt wurden, waren zu einem Einsatz am Rand von Druschkiwka gefahren. Eine FPV-Drohne traf das Fahrzeug und schlug in das Dach ein.

„Die Jungs hatten Riesenglück“, meint Stas.

Sein Kollege Wolodymyr Abramow nennt jeden beim Namen. Zwei haben eine Gehirnerschütterung — Oleksandr und Witalij, und bei zwei weiteren sind die Verletzungen deutlich schwerwiegender — derzeit liegen Serhij und ein weiterer Oleksandr im Krankenhaus in der Stadt Dnipro.

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„Ich habe Angst um die Jungs und bin empört. Ich verstehe nicht — wozu denn ein Feuerwehrauto angreifen?”

Doch für Wolodymyr ist dies nicht die erste Tragödie. Sein Cousin Witalij kämpfte in der 81. Brigade; er war als Freiwilliger in den Krieg gezogen. Nach dem Rückzug aus Lysychansk hatten sie ein paar freie Tage.

— Er sagte: „Komm vorbei, lass uns zusammen sitzen, denn in der aktuellen Lage sehen wir uns vielleicht nichtwieder.“ Ich sagte: „Wir sehen uns bestimmt.“ Aber wir hatten damals keine genormte Arbeitszeit. Er meinte: „Wir werden eingesammelt, du musst dringend herkommen.“ Ich kam, saß eine Stunde lang mit ihm und seiner Frau zusammen. Und dann brachte ich ihn zur Einheit. Ich war der Letzte aus unserer Familie, der ihn gesehen hat.

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Der Retter Kostjantyn Bykow glaubt, dass „Druschkiwka die schönste Stadt im Donbass ist“. Vor allem, weil sie „freundlich“ ist. Noch im vergangenen Jahr fuhr er mit Freunden von der Feuerwache, fünf oder sechs Jungs, oft zum Angeln in die Nähe – Barsch, Hecht, Zander. Zuletzt waren sie letztes Jahr zu Ostern am Fluss. Und zu Hause — hier im Vorort — war er schon lange nicht mehr.

„Meine Eltern sind weggefahren. Mama weint. Ich sage: ‚Mama, warum weinst du? Man muss sich gedanklich vom Haus verabschieden.‘ Seht ihr, wie sie (die Russen – Anm.) vorrücken?“

Vor kurzem schlugen in der Nähe seines Hauses — unweit der Fabrik, in der früher Halva hergestellt wurde — mehrere Fliegerbomben ein.

Halva

In Druschkiwka gab es einen Ort mit guter Shawarma und einem kleinen Laden. Ich frage mich, ob er noch geöffnet ist. Ja!

Die 46-jährige Katja und ihr 22-jähriger Sohn Ilja arbeiten hier immer noch. In der Halva-Kiste ist nur noch ein Kilogramm-Stück übrig.

„Sehen Sie, da gab es Beschuss, und das nicht nur einmal“, sagt die Frau über die Süßwarenfabrik. „Aber sie haben trotzdem nicht aufgehört und weitergearbeitet. Und sie haben uns beliefert.“

Bis vor kurzem noch.

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„Mögen Sie Halva?“, frage ich.
„Natürlich. Halva aus Druschkiwka gibt es eigentlich überall auf der Welt. Sogar in Australien gibt es Halva aus Druschkiwka — dort wohnt eine Freundin von mir. Ich habe in Israel gelebt – und auch dort wird Halva aus Druschkiwka verkauft.“

Katja verließ Donezk im Jahr 2014. Sie hatte einen Verkaufsstand in Kostjantyniwka, aber dort gab es einen Anschlag.

„Unser kleiner Stand wurde genau in zwei Hälften gespalten“, erinnert sich Ilja.

Ein Mitarbeiter wurde getötet. Katja war bei der Beerdigung.

„Ich habe geweint… Das war der erste Moment, als ich nach Hause kam und sagte, dass ich meine Sachen packe und von hier wegziehe.“
„Und jetzt?“, frage ich.
„Ich bestehe darauf, dass wir wegziehen“, sagt Ilja.

Einen Monat später werden wir schnell an diesem Stand vorbeigehen. Die Türen werden geschlossen sein. Und dieses Kilogramm Halva war vielleicht das letzte.

Die zweite Anreise

Ende Januar 2026 fahren wir zunächst mit einem gepanzerten, zusätzlich mit einem Metallgitter verkleideten Fahrzeug vom Typ Roshel Senator nach Druschkiwka. Es findet ein Truppenwechsel statt. Einige Kämpfer der „Azow“-Einheit springen heraus und werfen Proviant ab, andere steigen ein, um abgelöst zu werden.

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Im Haus, in dem die Azow-Kämpfer leben, gibt es einen gelben Stromzähler, eine Jesus-Ikone, Küchenfliesen mit der Abbildung eines Hirsches und eine Menge Katzen. Draußen sind überall Glasfaserkabel zu sehen. Die Kämpfer gehen auf Patrouille. Sie beobachten den Himmel: Sollte etwas fliegen, wird sofort geschossen.

Einer in der Patrouillengruppe ist Taras mit dem Rufzeichen Mykyta. Man sieht nicht sofort, dass er Narben im Gesicht hat. Taras kam zum ersten Mal im Dezember 2025 hierher. Davor war er in Kostjantyniwka, von wo aus er zu Einsätzen fuhr, um verwundete Soldaten zu evakuieren. Diese wurden in der Nähe des Bahnhofs von einer FPV-Drohne getroffen. Zwei Soldaten mussten amputiert werden, einer ist gestorben, die anderen haben Verletzungen an Augen und Ohren. Taras und sein Kamerad haben alle herausholen können und ihnen Hilfe geleistet.

„Ich habe gar nicht gemerkt, dass alles bei mir voller Blut war. Ich hatte überhaupt keine Schmerzen. Nur auf einem Auge sah ich nichts. Und ich habe auch Hörstörungen — man muss lauter zu mir sprechen.“

Als ein Fahrzeug kam, um ihn abzuholen, weigerte sich Taras: „Wir gehen zu Fuß — wir gehen bis zum Rand von Kostjantyniwka, rufen an, dann holt man uns ab.“ Doch man rief ihn an und bestand darauf, dass er ins nächste Evakuierungsfahrzeug steige. Dort weigerte er sich, zu einem medizinischen Stabilisierungspunkt zu fahren, doch als er bei den Sanitätern in den Spiegel blickte, war er fassungslos. Man zog viele Splitter aus ihm heraus, unter anderem aus den Augen, aber einige blieben noch in seinem Körper. Er sagt, damals habe man Druschkiwka als tiefes Hinterland betrachtet.

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Wir gehen an einem Haus vorbei, in dessen Fenster man einen vereisten Wasserboiler und eine vereiste Badewanne sieht; auf dem Boden ist eine Pfütze. Die Soldaten erzählen, dass sie versucht haben, das Wasser abzustellen, es hat aber nicht geklappt, nun ist es überall. Neben dem Haus liegt ein zerbrochener Globus im Schnee.

Wir überqueren den Damm, wo das Eis aufgrund der Strömungsverhältnisse runde und sich ständig umherumdrehende Eisschollen bildet.

„Wie schön“, hören wir eine Stimme hinter uns.
„Schau mal, was für ein Spektakel“, sagt einer der Soldaten.
„Donbass-Quallen!“, lacht ein anderer.

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Gleich an der Anhöhung sieht man einen beschädigten, mit Schnee bedeckten Panzer. Das ist die Straße Richtung der Stadt Dobropillja. Als ich im vergangenen Frühling hier vorbeifuhr, habe ich Schwäne gesehen. Ich frage mich, wo sie jetzt sind.

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Vor einem der Geschäfte steht eine verärgerte Verkäuferin.

„Die Einheimischen hier sagen zu uns: ‚Ihr seid hierhergekommen — und jetzt schlägt es bei uns ein‘“, erzählt Mykola aus Krywyj Rih mit dem Rufzeichen Ahmet. „Als ob ich unbedingt hierherkommen und in Druschkiwka leben wollte. Hätte ich mit meiner Frau und meinen Kindern nicht gut leben können?“ Mein jüngster Sohn ist neun Jahre alt. Als ich von zu Hause weggegangen bin, war er fünf. Jetzt komme ich nach Hause, und er reicht mir schon bis zur Schulter. Für mich ist er immer noch ein kleines Kind. Jetzt schaut er mich an und sagt: „Ich bin kein Baby mehr. Ich bin schon fast erwachsen.“ Meinst du, ich würde nicht gerne sehen, wie mein Kind groß wird? Ich habe meiner Frau einmal gesagt: „Ich komme zu Besuch.“ Und sie antwortete: „Hörst du dir selbst zu, was du da sagst?! Du willst etwa zu Besuch nach Hause kommen?“

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Nach einem Rundgang durch die Stadt erfahren wir, dass wir noch fünf Stunden auf den gepanzerten Roshel warten müssen, der uns abholen soll. Ich schlage vor, dass man uns in Richtung Stadtzentrum bringt — dort können wir vielleicht ein Taxi erwischen und selbst nach Kramatorsk fahren. Die Soldaten stehen dieser Idee zunächst skeptisch gegenüber. Doch dann stimmen sie doch zu. Wir gehen zügig durch das winterliche Druschkiwka — vorbei an ausgebrannten Autos, ducken uns unter einem Glasfaserkabel.

Und da steht an der Kreuzung ein Taxifahrer. Für 400 Hrywnjas (Anm.: ca. 9 Euro) bringt er uns aus dieser Stadt heraus, auf die der Feind von drei Seiten vorrückt.

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Kuppel

Ein paar Tage nach unserer Abreise gab es einen Einschlag auf dem Markt von Druschkiwka. Es waren dieselben Raketen wie die, die kürzlich in der Nähe des Burgerladens explodiert waren. Es gab mindestens sieben Tote und fünfzehn Verletzte.

Im Dezember saß hier in der Nähe Olga Serhijiwna und wartete auf ihre Enkelin, die in der Fahrschule war.

„Wie alt ist Ihre Enkelin?“
„Sie ist noch klein. 24 Jahre.“
„Klein?“ — lache ich. —„Und wie alt sind Sie?“
„Ich bin schon alt. Ich bin fast 70. Ich werde nicht sagen, wie alt genau.“
„Haben Sie schon ein Auto?“
„Ein Auto habe ich, aber keinen Führerschein.“
„Hat jemand Ihnen das Auto geschenkt?“
„Ich. Wir haben die Wohnung verkauft und ein Auto gekauft. Was, wenn wir plötzlich weg müssen? Wir steigen ins Auto und können fahren los.“

Die Wohnung habe ich für viertausend Dollar verkauft, und zwar noch im Jahr 2022. Bekannte von mir haben ihre Wohnung neulich für zweitausend verkauft. In Olgas Tasche sind Brot und ein Päckchen — „die Enkelin habe sich ein Buch bestellt“.

„Was liest sie denn gerne?“
„Science-Fiction.“

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„Glauben Sie, dass es bald Frieden geben wird?“
„Ich glaube schon. Jeder Krieg endet mit einem Frieden. Hoffentlich erleben wir ihn noch.“

In der Nähe stand ein Polizist und schaute zum Himmel:

„Ich sage den Leuten: ‚Fahrt weg, sonst ergeht es euch wie in Kostjantyniwka: Die Panzer werden euch nicht evakuieren.“

Unser Drohnen-Detektor erkennt die Drohnen nicht, die über Glasfaserkabel fliegen. Man kann sie jedoch leicht am Knattern der Handfeuerwaffen erkennen, mit denen die Soldaten schießen, wenn sie eine Drohne in der Nähe sehen. Und schon beginnt wieder das Gewehrfeuer. Wir rennen zum nächstgelegenen Schutz. Das Vordach eines Ladens sieht nicht sehr sicher aus. Das Gewehrfeuer geht weiter.

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Vor uns sehen wir eine Kirche. Ich laufe in den Hof und steige die vielen Stufen hinauf. Ich öffne die massive Holztür. Aber was ist das für ein Gesang? Ein dumpfer Schall kommt von der Ikonostase. Ein Echo hallt unter der Kuppel wider. Hier haben sich einige Menschen versammelt, es findet gerade ein Gottesdienst statt.

Beitragende

Autor des Textes:

Myroslaw Lajuk

Redaktionsleiterin,

Koordinatorin der RedakteurInnen,

Redakteurin:

Anja Jablutschna

Fotograf,

Bildredakteur:

Wjatscheslaw Ratynskyj

Bildredakteurin:

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Koordinatorin der Content-Manager:

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Führungsrolle:

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Büroleiterin:

Juliana Iwanowa

Übersetzerin:

Anastasija Sydorenko

Jelysaweta Drjuk

Übersetzungsredakteur:

Oleksij Obolenskyj

Übersetzungsredakteurin:

Anja Fischer

Koordinatorin der Übersetzung:

Iryna Opryschko

Koordinatorin von Ukraїner International:

Iryna Stepanjak

Chefredakteur von Ukraїner International:

Christopher Atwood

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