Der Informationskrieg in den heutigen Gegebenheiten ist ein Bestandteil des hybriden Krieges, einer Kriegsform, die traditionelle Kampfhandlungen mit nichtmilitärischen Methoden kombiniert. Dazu gehören Informationsoperationen, Cyberangriffe, wirtschaftlicher Druck, politische Destabilisierung und psychologische Kriegsführung. Seit spätestens 2014 setzt Russland alle möglichen Instrumente der Aggression gegen die Ukraine ein, darunter die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Deswegen ist ein effektiver Widerstand im Informationskrieg maßgeblich für den Sieg der Ukraine.
Es ist schwierig, die genauen Ausgaben Russlands für die Informationskriegsführung gegen die Ukraine festzustellen, da diese Informationen oft geheim sind. Laut Schätzungen des Internationalen Zentrums für politische Studien (ICPS) betragen die jährlichen Ausgaben Russlands für den im Westen geführten Informationskrieg gegen die Ukraine etwa 4 Milliarden US-Dollar. Laut den Angaben des ukrainischen Aufklärungsdienstes wollte Russland nur im Frühjahr 2024 insgesamt 1,5 Milliarden US-Dollar für die Destabilisierung der Ukraine ausgeben.
Russland verfügt über einflussreiche Propagandakanäle, die auf ein internationales Publikum ausgerichtet sind, deswegen werden die Medien mit erheblichen Summen aus dem Staatshaushalt finanziert. So stellt die russische Regierung jährlich mehr als 300 Millionen US-Dollar für die Finanzierung des staatlichen Auslandssenders Russia Today (RT) bereit. Im Jahr 2023 erreichten die Ausgaben für diesen Propagandasender einen Rekordwert. Neben den direkten Kosten für propagandistische Medien und Desinformationskampagnen setzt Russland auch auf andere Mittel der Informationskriegsführung, wie Cyberangriffe, Hacking und organisierte Trollkampagnen.
Die Gesamtausgaben für all diese Maßnahmen sind noch schwieriger abzuschätzen. Dennoch sind sich Experten einig: Russland hat in den letzten zehn Jahren seine Propagandapotenzial kontinuierlich ausgebaut und verfeinert. Die modernen Methoden der russischen Propaganda sind darauf ausgerichtet, die Leser zu verunsichern, abzulenken und Panik zu verbreiten. Ziel dieser Strategie liegt darin, die internationale Unterstützung für die Ukraine zu untergraben.
Bild: AFP via Getty Images.
Dem Informationsangriff in einem hybriden Krieg zu widerstehen ist eine komplexe Aufgabe, die gemeinsame Anstrengungen seitens Regierung, Militär, Medien, zivilgesellschaftlichen Organisationen und jedes einzelnen Bürgers erfordert.
In diesem Artikel berichtet Ukraїner über Organisationen, die in der Medienlandschaft dem Feind widerstehen. Die 2014 gegründete Organisation StopFake überprüft Fakten und entlarvt russische Propaganda. Die Organisation Detector Media widmet sich nicht nur der journalistischen Arbeit, sondern engagiert sich auch aktiv im Informationskampf gegen Russland. Nach Beginn der landesweiten Invasion kam die Community der Kommunikationsprofis PR Army zusammen, um der Welt die terroristische Natur des russischen Regimes zu offenbaren. Das Unternehmen Molfar gründete eine OSINT-Community, die militärische Ermittlungen durchführt und Propaganda widerlegt. Experten von LetsData spüren die sich im Netz verbreitenden Propagandanarrative auf und geben diese Informationen an Organisationen weiter, die solche Narrative im Netz löschen. In diesem Artikel werden diese Antipropaganda-Initiativen im Detail vorgestellt.
Wie StopFake gegen Desinformation kämpft
Seit 2014 deckt die Organisation gezielt Fake-News über die Ukraine auf und widerlegt sie. Im Laufe der Zeit hat sich das Projekt zu einem Analyse- und Recherchezentrum entwickelt, das die Kreml-Propaganda in all ihren Formen analysiert, ihre Einflussmethoden auf die Ukraine sowie auf Länder der Europäischen Union und der ehemaligen Sowjetunion untersucht. Die Beiträge von StopFake sind in 11 Sprachen verfügbar, darunter neben Ukrainisch auch Polnisch, Tschechisch, Englisch, Italienisch und Deutsch.
Bildquelle: Facebook-Seite von StopFake.
Der Mitbegründer der Organisation, Ruslan Deynytschenko, ist einer derjenigen, die bereits seit 10 Jahren den Informationskrieg analysieren:
“Wir haben bereits in den Jahren 2013–2014 gesehen, wie Russland sich auf den Angriff vorbereitete. Seit Beginn der landesweiten Invasion veränderten sich eben die Intensität und strategische Methoden der russischen Propaganda.”
Ruslan Deynytschenko. Bildquelle: Facebook-Seite von StopFake.
Ruslan erzählt, dass seine Organisation der Desinformation auf mehreren Ebenen entgegenwirkt, insbesondere durch Faktencheck und die Förderung von Medienkompetenz:
“Wenn wir verdächtige Nachrichten sehen, überprüfen wir diese. Und sollten wir genügend Beweise über Vorhandensein falsche Informationen finden, schreiben wir einen Artikel, in dem wir unseren Lesern erklären, was genau falsch bzw. irreführend ist und warum. Somit helfen wir den Bürgern, Journalisten, Diplomaten und Aufklärern, Desinformation zu erkennen. Wir führen verschiedene Schulungen, Aufklärungskampagnen und Forschungsprojekte durch. Wir wollen, dass Lügen und Propaganda das Leben der Menschen nicht vergiften.”
StopFake gibt einige Ratschläge, um nicht in die Falle der russischen Propaganda zu tappen:
– nur vertrauenswürdige und offizielle Quellen nutzen;
– Informationen analysieren, die ursprüngliche Informationsquelle suchen sowie sich bemühen, kritisch zu denken;
– auf den Konsum russischer Inhalte verzichten;
– verdächtige Informationen überprüfen.
Die Veröffentlichungen auf StopFake ermöglichen es, sofort zu erkennen, welche Lügen die feindliche Propaganda verbreitet und welche Methoden sie dabei anwendet.
StopFake kann nachverfolgen, wie sich der Informationsbereich über Jahre hinweg entwickelte und wie sich die strategischen Methoden der Propagandisten veränderten.
“In den Jahren 2013–2014 versuchte die russische Propaganda, unter den Ukrainern Konflikte zu schüren und die damalige russische Invasion zu rechtfertigen. Ähnliche Strategien konnten wir während des gesamten Jahres 2021 und zu Beginn 2022 beobachten. Zunächst versuchten die Russen, den landesweiten Angriff zu rechtfertigen, indem sie von «mythischen» Biolaboren erzählten. Als das jedoch zunehmend unglaubwürdig wurde und kaum noch Russen bereit gewesen wären, für so einen Unsinn der Armee beizutreten und womöglich zu sterben, änderte sich die Strategie. Nun gibt es verstärkt Aufrufe, die Ukraine noch massiver zu bombardieren, deren Infrastruktur zu zerstören, Kraftwerke zu beschießen etc.”
Laut Ruslan wäre die Situation in der Ukraine viel schlimmer gewesen, hätte man 2014 russische Fernsehsender und 2017 russische soziale Netzwerke nicht verboten. Womöglich hätten viel mehr Menschen die russischen Truppen mit offenen Armen empfangen.
“Am Beispiel der Krim und der Region Donezk sehen wir, dass Menschen, die russische Nachrichten konsumierten, eine verzerrte Vorstellung davon hatten, was Russland tatsächlich beabsichtigt und wofür es steht. Sie waren wahrlich darin überzeugt, dass die Ukrainer sie töten, vernichten und ihre Sprache verbieten wollten, und dass Russland sie deswegen befreien und retten würde. Viele dieser Menschen erkannten mit der Zeit, dass dies nicht der Fall ist, aber leider war es schon zu spät. Damit eben weniger Menschen auf propagandistische Mittel hereinfallen, versuchen wir zu erklären, wie und zu welchen Zwecken die Falschinformationen verbreitet werden.”
Bildquelle: Detektor Media.
Die landesweite Invasion hat nicht nur die Arbeitslast erhöht, sondern auch die internen Abläufe zwangsläufig verändert. Einige Teammitglieder mussten umgesiedelt werden, andere verließen das Land oder suchten Zuflucht in sicheren Regionen der Ukraine. Als Russland begann, gezielt die ukrainische Infrastruktur zu bombardieren, was dann zu längeren Stromausfällen führte musste man lernen, ohne Strom und mit instabiler Netzverbindung umzugehen. Darüber hinaus traten drei Mitarbeiter von StopFake freiwillig der ukrainischen Armee bei. Einige sind von der Front zurückgekehrt und arbeiten weiter.
Ruslan teilt seine Erfahrungen und betont dabei die Bedeutung von Faktenchecks, die es ermöglichten, das Vertrauen in russische Medien als eine verlässliche Informationsquelle stark zu senken.
Darüber hinaus gelang es dem Team, ausländische politische Akteure davon zu überzeugen, dass russische Medien kein Informationsmittel für die Bevölkerung sind, sondern eben ein Instrument zur Verzerrung der Information und Desinformation.
“2014 waren viele ausländische Politiker der Meinung, dass es undemokratisch sei, russische Fernsehsender zu verbieten, und dass die Menschen selbst entscheiden sollten, welchen Quellen sie glauben sollten. Doch die umfangreiche Menge an Beweisen, die wir gesammelt haben, überzeugte viele davon, dass das russische Fernsehen und die russischen sozialen Netzwerke in erster Linie ein Einflussinstrument sind.”
Das Ukrainisches Think Tank Detektor Media
Detektor Media ist einerseits eines der größten ukrainischen Medien, das über Medien berichtet, andererseits ein Think Tank, das sich mit medienbezogenen Problemen befasst. Die Mission von Detektor Media liegt in der Entwicklung einer reifen Gesellschaft, die Herausforderungen erkennt und in der Lage ist, diese durch konstruktiven Dialog zu bewältigen. Um dies zu erreichen, muss der Einfluss demokratischer, freier und professioneller Medien auf gesellschaftliche Prozesse in der Ukraine gestärkt sowie der Erfahrungsaustausch mit anderen demokratischen Gesellschaften ausgedehnt werden.
Bildquelle: Facebook-Seite von Detektor Media.
Die Direktorin von Detektor Media, Halyna Petrenko, erklärt die Arbeitsbereiche der Organisation:
– Erhöhung der inhaltlichen Qualität ukrainischer Medien;
– Förderung der Medienkompetenz unter Ukrainern;
– Bekämpfung von Desinformation.
Die Organisation prognostizierte den landesweiten Angriff Russlands auf die Ukraine und war daher darauf vorbereitet. Halyna erzählt:
“Seit Ende 2021 lagen uns Prognosen vor, dass eine großangelegte Invasion stattfinden könnte, und so haben wir entsprechende Strategien entwickelt, wie wir darauf reagieren würden. Schon damals haben wir uns die Frage gestellt, ob wir unsere gesamte Tätigkeit aufrechterhalten können, ob sie weiterhin relevant sein wird oder ob wir etwas Neues hinzufügen müssen. Die Antwort war positiv – alles, womit wir uns beschäftigen, bleibt weiterhin von Bedeutung.”
Halyna Petrenko. Bildquelle: Detektor Media.
Am 24. Februar 2022 kümmerten sich die Mitarbeiter von Detektor Media um ihre persönliche Sicherheit, einige zogen in sicherere Gebiete der Ukraine oder ins Ausland.
“Wir eröffneten ein Vertretungsbüro in Vilnius. Drei Mitglieder unseres Teams fuhren dorthin. Mit der Zeit kehrten die meisten nach Kyjiw zurück. Es gab eine weitere Abreisewelle, als die ersten Probleme mit der Stromversorgung auftraten. Falls jemand ein privates Haus in hatte, wo ein Stromgenerator aufgestellt werden konnte, so erlaubten wir dieser Person, dorthin zu fahren.”
Darüber hinaus kam es nach dem 24. Februar 2022 zu einer neuen Herausforderung: Einige Mitarbeiter der Organisation wurden in die Armee einberufen. Jemand verteidigt immer noch das Land, jemand verlor leider schon sein Leben.
Mit dem Beginn des landesweiten Krieges begann die Organisation gezielt, den Informationsraum zu monitoren, insbesondere was die Desinformation in sozialen Netzwerken angeht. Dort hat man jedoch mit einem großen Informationsumfang zu tun:
“Es ist notwendig, verschiedene IT-Tools wie Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen einzusetzen. Wir können nicht einfach unter den weltweit vorhandenen zahlreichen IT-Tools auswählen. Wir können nicht z. B. nach San Francisco fahren und dort ein Tool für uns erwerben, weil durch den Kriegszustand die Zahlungen ins Ausland eingeschränkt sind. Und das hält tatsächlich unsere Branche zurück, die neuesten Entwicklungen umzusetzen. Wir sind daher gezwungen, entweder interne Lösungen zu entwickeln oder mit einer begrenzten Auswahl an verfügbaren Tools zu arbeiten.”
Halyna sagt, dass Russland in Informationsfragen einfallsreicher und erfahrener ist. Die Russen agieren zeitgleich massenhaft in verschiedenen Richtungen.
“Manchmal tun sie einfach etwas, ohne im Voraus zu wissen, ob es erfolgreich sein wird. Ein Beispiel dafür ist, dass Russland schon lange vor der großangelegten Invasion auf Telegram aktiv wurde und Netzwerke von Desinformationskanälen aufbaute. Sie konnten jedoch nicht vorhersehen, dass dieser Messenger nach Beginn des landesweiten Angriffes zur wichtigsten Informationsquelle in der Ukraine werden würde. Wir haben bemerkt, dass kurz vor der großangelegten Invasion, genau eine Woche davor, hunderte anonymer Telegram-Kanäle erstellt wurden, die [ber das Leben in den Ortschaften berichteten, die entweder bereits von Russland besetzt waren oder die Russland zu besetzen versuchte. Dort gab es zwar relevante Inhalte für die Bewohner dieser Ortschaften, jedoch mit Einbindung pro-russischer Narrative.”
Bild: Julio Cortez für AP.
Das Team erstellt weiterhin enthüllenden Inhalt und entwickelt eigene Projekte, die dem Feind widerstehen. Ein erfolgreiches Beispiel ist das Projekt zur Identifizierung und Verfolgung von Personen, die im Interesse Russlands agierten. Experten erstellten detaillierte Profile dieser Personen mit einer umfangreichen Beweisgrundlage. 2023 entstand daraus ein Spezialprojekt über Kollaborateure aus dem Medienbereich, also Personen, die mit der selbsternannten Verwaltung in den besetzten Gebieten kooperierten und es auch weiterhin tun.
Diese Informationen machten die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden und den Geheimdienst darauf aufmerksam und dienen nun als Beweismaterial für Verbrechen gegen die nationale Sicherheit der Ukraine.
OSINT-Team Molfar
Die Entstehung von Molfar begann im Jahr 2019 mit dem Anbieten von Dienstleistungen in den Bereichen Ermittlungsrecherche, Informationssuche und -analyse.
Mit dem Beginn der landesweiten russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 gründete Molfar eine OSINT-Community. Heute widmet sich ein Teil des Teams ausschließlich militärischen Ermittlungen, der Widerlegung von Propaganda, der Identifizierung von Kriegsverbrechern und der geobezogenen Aufklärung (Geospatial Intelligence).
OSINT
Open Source Intelligence (OSINT) ist eine Methode zur Sammlung und Nutzung von militärischen, politischen und anderen Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen, ohne dabei Gesetze zu brechen.
Bildquelle: Facebook-Seite von Molfar.
Darja Werbyzka, Leiterin der PR-Abteilung der OSINT-Agentur Molfar. Bild mit freundlicher Genehmigung von Darja Werbyzka für imi.org.ua.
Darja Werbyzka, Leiterin der PR-Abteilung, sagt, dass bei Molfar alles auf Beweisen basiert. Diese werden genutzt, um der russischen Desinformation entgegenzuwirken und wahre Informationen über die Ukraine zu verbreiten.
Zu den zentralen Arbeitsbereichen des Unternehmens gehören:
– Businessbereich, dias Business Analytics, Business Intelligence und alles umfasst, was die Suche nach Informationen für kommerzielle Zwecken umfasst;
– Militärische Ermittlungen, die kostenlos durchgeführt werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden sowohl in der Ukraine als auch international verbreitet.
– Schulungen zur Medienkompetenz, die kostenfrei für staatliche Institutionen, Freiwillige und Journalisten angeboten werden. Es gibt auch kostenpflichtige Schulungen auf Anfrage von Privatunternehmen.
– Ausbau der Community. Molfar fördert die Entwicklung einer OSINT-Community und führt Quests, Aufgaben, Wettbewerbe usw. durch.
Wie auch andere Organisationen widersteht Molfar im Informationskampf nicht nur der Russischen Föderation, sondern auch Organisationen und Meinungsführer, die prorussische und terroristische Narrative verbreiten.
“Ich möchte ein Beispiel nennen: Human Rights Watch. Diese amerikanische Organisation veröffentlicht regelmäßig tendenziöse Berichte und prorussische Stellungnahmen. Solche Narrative haben großen Einfluss auf die internationale Gemeinschaft – und dagegen müssen wir eben aktiv vorgehen.”
Darja erzählt, Molfar-Team hatte während des landesweiten Krieges mit verschiedenen Herausforderungen zu kämpfen, in erster Linie mit organisatorischen Schwierigkeiten:
“Unser Hauptbüro befand sich in Dnipro, und wir entschieden uns, dort zu bleiben. Wir hatten Probleme wegen Stromausfällen. Ein Co-Working-Space mit anderen Menschen kam für uns nicht infrage, da unsere Arbeit auf Ermittlungen gegen Russland fokussiert ist. Daher konnten wir unseren Standort nicht offenbaren. Wir versuchten, uns vorbeugend mit zusätzlicher Technik auszustatten und Lösungen zu finden. Eine der größten Herausforderungen bestand darin, ein neues Team in Kyjiw von Grund auf aufzubauen. Heute (Stand Ende 2023) haben wir mehr als 10 Teammitglieder, arbeiten ständig im Büro und verfügen über eine stabile Stromversorgung.”
Trotz zahlreicher Herausforderungen setzt Molfar ihren Kampf gegen die von Russland verbreitete Desinformation fort. Zu den beliebtesten Methoden der feindlichen Informationskriegsführung gehören psychologische Operationen (PSYOPS) sowie Fake News über Beschüsse und die dadurch verursachten Verluste. Um diese Lügen genau zu widerlegen, werden von Molfar Faktenchecks durchgeführt und alles präzise untersucht.
“Genau das haben wir mehrfach getan, zum Beispiel über dem Theater und der Entbindungsklinik in Mariupol, wo wir die Lüge widerlegten, dass die Ukrainer sich selbst beschossen hätten. Wir haben auch die Desinformation über die angeblich freiwillige Evakuierung ukrainischer Kinder nach Russland entkräftet.”
PSYOPS
Psychologische Operationen (PSYOPS) sind gezielte Informationskampagnen, die darauf abzielen, das kritische Denken, die Emotionen, Motive oder das Verhalten einer festgelegten Zielgruppe zu beeinflussen.Zu den Recherchen des Teams Molfar gehören eine Untersuchung über die russische Ombudsfrau Marija Lwowa-Belowa sowie eine Recherche über russische private Militärunternehmen (PMCs), die nicht nur im Krieg gegen die Ukraine, sondern auch in zahlreichen anderen internationalen Konflikten aktiv sind.
Bildquelle: Facebook-Seite von Molfar.
Die Experten sammelten zudem Informationen über russische Piloten vom Luftwaffenstützpunkt Engels-2, auch darüber, wie China trotz Sanktionen Drohnen an Russland liefert, sowie über die verursachte Katastrophe am Kachowka-Staudamm.
Besonders hervorzuheben sind auch die von Molfar-Team erstellten Datenbanken von Feinden und Verrätern der Ukraine, die häufig von ausländischen Medien zitiert und von Geheimdiensten genutzt werden.
PR Army
PR Army wurde am 24. Februar 2022 gegründet, nur wenige Stunden nach Beginn der landesweiten russischen Invasion. Ukrainische Kommunikationsspezialisten schlossen sich zusammen, um Russland entgegenzutreten. Die Mitbegründerin von PR Army und Chefredakteurin von Ukraїner International, Anastassia Maruschewska, betont, dass es gelungen sei, rund 700 Medienschaffende zu vereinen und innerhalb von sechs Monaten einen stabilen Arbeitsablauf festzulegen:
“Unsere Mission ist es, beim Kampf gegen Russland und seine Verbündeten zu unterstützen. Ein entscheidender Punkt dabei ist, dass wir uns nicht nur mit Russland, sondern mit dem ganzen System der globalen Sicherheit und daran, wie alles miteinander verbunden ist, beschäftigen.”
Bildquelle: Facebook-Seite von PR Army.
Die Fachleute wenden sich an internationale Medien mit aktuellen Themen rund um den russisch-ukrainischen Krieg, finden neue Perspektiven für die Berichterstattung und bieten Experten zu Ukraine-Fragen an. All dies geschieht, um sicherzustellen, dass die Ukraine zu den internationalen Medienschwerpunkten gehört.
“Schon zu Zeiten der Sowjetunion, wenn nicht früher, hat man festgestellt, dass die Sowjets den Westen militärisch nicht besiegen können., daher setzt Russland seit Jahren auf Desinformation, besticht Medien und gründet eigene. Auch unterstützt Russland terroristische Organisationen.”
Bildquelle: Facebook-Seite von Anastassia Maruschewska.
Anastassia nennt folgende Hauptfunktionen von PR Army:
– Kontinuierliche Präsenz der Ukraine in internationalen Medien. PR Army konzentriert sich wesentlich auf ausländische Medien und ist in der Ukraine kaum aktiv tätig.
– Stimmen der Freiheit. Die Organisation verfügt über eine große Datenbank ukrainischer Experten, die gezielt internationalen Medien vorgestellt werden. Es ist von großer Bedeutung, dass gerade Fachleute aus der Ukraine über das Land berichten und dementsprechend richtige Narrative vermitteln.
– Entwaffnung Russlands. Ein anschauliches Beispiel sind die westlichen Technologien, die weiterhin nach Russland gelangen und dort für die Entwicklung von Waffen und Raketen genutzt werden, um damit dann Ukrainer zu töten. Kommunikationsspezialisten von PR Army greifen dieses Thema aktiv auf und bringen es mit Nachdruck in ausländische Medien.
– Advocacy von Themen. Derzeit engagiert sich die Organisation für solche Themen wie die Entführung von Zivilisten und die Zwangsdeportation von Ukrainern nach Russland. Eines der Ziele besteht darin, zu beweisen, dass dies nicht durch keine Folge des Krieges, sondern eine geplante Politik Russlands ist. Daraus entstand das Projekt Where Are Our People?
Die Organisation arbeitet auch an weiteren Themen wie die Umwelt- und Nahrungsmittelkrise sowie die Situation im Kernkraftwerk Tschornobyl während der russischen Besatzung. Das Team von PR Army verbreitete Informationen über das Kernkraftwerk Saporischschja und die Untätigkeit der IAEO, die keinen Einfluss auf Russland hatte und somit ihrer Aufgabe nicht nachkam. PR Army befasst sich auch mit solchen Themen wie Kultur und Rechte der LGBTQ+ und fördert damit das Image der Ukraine als einen demokratischen Staat. Auch deckt sie Russlands Verbrechen gegen die Geschlechtsidentität auf. Anastassia betont, dass PR Army bewusst nicht auf Fact-Checking als Hauptansatz für den Informationskrieg setzt:
“Fact-Checking ist ebenfalls wichtig, aber es reicht nicht aus, um ein Narrativ zu bekämpfen. Dafür muss man eine Gegen-Narrative schaffen.”
Die Herausforderung der Arbeit von PR Army liegt nicht zuletzt darin, dass die Organisation nicht nur die Wahrheit verbreiten muss, sondern auch versucht, die Barriere des Unverständnisses gegenüber dem ukrainischen Kontext zu durchstoßen:
“Medien kämpfen um die Aufmerksamkeit, sie sind ständig auf der Suche nach dramatischen Geschichten. Wir aber arbeiten sehr gründlich am Thema der Abschiebung von Ukrainern. Es ist schwierig, das öffentliche Interesse zu diesem Thema aufrechtzuerhalten, weil eben tragische Geschichten über deportierte Kinder besser bei den Lesern bzw. Zuschauern ankommen. Aber wir können die Kinder nicht nochmal traumatisieren und zulassen, dass sie von Medien ausgenutzt werden, um lediglich ein breiteres Publikum zu erreichen.”
Bild: Paul Zinken für AP.
Täglich sind die Fachkräfte der PR Army gezwungen, prorussischen Narrativen und Desinformation entgegenzutreten. Anastassija erzählt, dass es Stiftungen und Organisationen gibt, die explizit für Russland arbeiten. So unterstützt etwa die Stiftung „Russki Mir“ Wissenschaftler aus verschiedenen westlichen Ländern, damit sie russische Narrative verbreiten. Zum Beispiel, machte sich die russische Propaganda den Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 stark zunutze:
“Die Russen übergaben die von der ukrainischen Armee erbeuteten Waffen an Hamas, aber behaupteten, die Ukraine verkaufe Waffen an Terroristen.
Ein beschädigter israelischer Merkava Mk 4 Panzer an der Grenze zum Gazastreifen. Bildquelle: palästinensische Medien.
Ein weiteres Beispiel ist die Ausrottung des Moskauer Patriarchats in der Ukraine, das als Agent feindlichen Einflusses gilt. Die russische Propaganda verbreitete in den USA, dass die Ukrainer angeblich die Religion vernichten wollten. Einer der Gründe dafür ist, dass ein erheblicher Teil der orthodoxen Kirchen weltweit zum Moskauer Patriarchat angehört. Dementsprechend seien die meisten orthodoxen Kirchen in den USA ebenfalls russisch und verbreiten Propaganda.
“Sie erzählen ihren Gemeindemitgliedern, die Ukrainer zerstören die Religion, verfolgen die Gläubigen etc. Natürlich kämpften wir dagegen und erstellten zahlreiche Inhalte über die ukrainische orthodoxe Kirche, ukrainische Protestanten und Baptisten. Wir führten Interviews mit Militärseelsorgern und religiösen Führern verschiedener Konfessionen.”
Das ist nicht das einzige Thema, an dem PR-Army arbeitet. Auch andere Problemstellungen werden ans Licht gebracht. Während der von der PR-Armee mitorganisierten Reise in die USA wurden beispielsweise die Geschichten der deportierten Kinder in der UNO und in den großen amerikanischen Fernsehsendern CBS und CBC mit der Beteiligung vom amerikanischen Schauspieler Liev Schreiber vorgestellt. Berichte über die Militarisierung ukrainischer Kinder erschienen auf Euronews und The Guardian in sieben Sprachen.Das Team beteiligte sich an den Ermittlungen über die Deportationen von The New York Times, deutsch-französischem ARTE und schwedischem SVT, sowie war unter den ersten noch in 2022, die mit französischen und belgischen Journalisten durch Pressekonferenzen und Veröffentlichungen in Medien wie Le Monde und Le Libre zusammenarbeiten.
Das Thema ziviler Kriegsgefangener fand seinen Platz in litauischen, britischen und französischen Medien. Die Notwendigkeit verschärfter Sanktionen gegen Russland und die Schwächung des russischen militärisch-industriellen Komplexes wurden unter anderem in RND (Deutschland) und Corriere (Italien) erörtert. Insgesamt konnte die Organisation etwa 6.500 Medienbeiträge in über 70 Ländern weltweit platzieren. Dabei wurden Themen wie Angriffe, Kriegsverbrechen, Minenlegung, der Boykott russischer Sportler und Kulturschaffender behandelt. Neben der Medienarbeit organisiert das Team Advocacy-Veranstaltungen in der Ukraine und im Ausland und untersucht die historische Kontinuität russischer Verbrechen. So wurden etwa Forschungen zu russischen Manipulationen historischer Narrative bei der NATO präsentiert.
“Ich sehe bei den Ukrainer:innen die Verzweiflung, dass es der Welt egal sei, was hier passiert. Das würde ich so nicht sagen, vor allen nicht unter den Entscheidungsträgern. Meiner Meinung nach hat die großangelegte Invasion vielen Ländern gezeigt, dass sie ihre Ansätze ändern müssen. Ein gutes Beispiel ist Deutschland, das einst ein wichtiger Partner Russlands war. Doch bereits im ersten Jahr der großangelegten Invasion hat Deutschland auf die meisten russischen Energieressourcen verzichtet. Ähnlich ist es in Frankreich – wir sehen, dass die Haltung von Präsident Emmanuel Macron sich auch veränderte.”
Emmanuel Macron und Wolodymyr Selenskyj. Bildquelle: president.gov.ua.
Anastassija sagt, dass keine Unterstützung für die Ukraine und keine Sanktionen einfach so zustande kommen. Hinter all dem steckt systematische Arbeit vieler Menschen. In jeder Organisation gebe es Personen, die auf internationaler Ebene die Interessen der Ukraine vertreten:
“Für mich und generell für unsere Organisation liegt die Hauptmotivation darin, alles dafür zu tun, dass möglichst wenige Ukrainer:innen an der Front sterben. So funktioniert die Welt: Ohne der diplomatischen und der Informationskomponente geschieht fast nichts. Deshalb ist es ziemlich naiv, so zu tun, als wäre das unwichtig. Meiner Meinung nach liegt einer der Gründe, weshalb dieser Krieg überhaupt stattfindet, darin, dass die Ukraine zu einem bestimmten Zeitpunkt den Informationskrieg verloren hat. Es gibt dafür logische Gründe und einen historischen Kontext, –aber wir dürfen uns nicht erlauben, erneut zu verlieren.”
LetsData-Analytikteam
LetsData ist ein ukrainisches Startup, das nach dem Beginn der großangelegten Invasion gegründet wurde. Die Arbeit des Unternehmens unterscheidet sich einigermaßen von der Tätigkeit der früheren Organisationen, denn hier die Desinformation wird mit Technologien gesucht, aber die Anderen wirken ihr entgegen.
Bildquelle: Facebook-Seite von LetsData.
Ksenija Iliuk. Bildquelle: LinkedIn-Profil von Ksenija Iliuk.
Mitbegründerin Ksenija Iliuk sagt, der entscheidende Wert von LetsData bestehe darin, eine treibende Kraft für soziale Mission und Wandel zu sein. Zudem verfolgt das Unternehmen eine klare Richtlinie: keine Zusammenarbeit mit politischen Parteien. Stattdessen übernehmen die Fachleute Aufträge von staatlichen Institutionen demokratischer Länder oder von ehrlichen, transparenten Privatorganisationen.
“Vor Beginn der großangelegten Invasion haben wir, mein Mitbegründer Andrij Kussow und ich Verschiedenes im Bereich der Medienanalyse ausprobiert, experimentiert, getestet,aber eigentlich haben wir das eher aus eigenem Interesse, Vergnügen und Nutzen getan. Doch nach dem 24. Februar wurde uns klar, dass ein Bedarf an einem fortschrittlichen technologischen Instrument besteht, das in Echtzeit den gesamten Informationsraum analysieren und Desinformation identifizieren kann.”
Ksenija erklärt, dass ihr Unternehmen sozusagen eine Art Radar für Desinformation sei, ausgerichtet auf: Erkennung, Analyse und Prognose. Mithilfe künstlicher Intelligenz scannt das Team kontinuierlich in Echtzeit das Informationsfeld und erkennt schon früh mögliche Anzeichen von Desinformationskampagnen. Die Aufgabe des Teams sei es, diese Anzeichen zu finden und dadurch die Kollegen unterstützen, die Fake News bekämpfen.
“Je früher wir sie identifizieren, desto mehr Möglichkeiten und Zeit haben unsere Kunden, um proaktiv zu agieren. Ist eine Desinformationskampagne erst einmal veröffentlicht, braucht es ganz andere Mittel. Wir versuchen daher, unsere Kunden in die Lage zu versetzen, im Voraus zu handeln. Sobald sie reagieren, messen wir die Wirksamkeit ihrer Arbeit.”
Zu den Funktionen von LetsData gehören Benachrichtigungen sok. (bzw. Alerts), die per E-Mail oder auf das Handy gesendet werden, um ein schnelles Eingreifen zu ermöglichen. Ksenija sagt:
“Unternehmen reagieren auf unsere Alerts und beginnen, Desinformationen entgegenzuwirken. Manchmal gibt es jedoch Warnmeldungen, bei denen wir sagen, dass wir das Entstehen einer bestimmten Nachricht festgestellt haben, aber eine Gegenmaßnahme sei nicht notwendig. Das heißt, die Meldung hat kein Potenzial, sich weiterzuverbreiten. Es kommt nämlich vor, dass Desinformationen widerlegt werden, obwohl es nicht klar ist, an welches Publikum sie abzielen und ob sie sich tatsächlich verbreiten werden. Daher trägt man trotz guter Absichten selbst zur Verbreitung einer Desinformation bei.”
Bildquelle: LinkedIn-Profil von LetsData.
Wie die meisten Organisationen stößt auch LetsData auf Schwierigkeiten, vor allem technischer Art, etwa beim Datenzugang:
“Wir analysieren Daten aus allen möglichen Medien und sozialen Netzwerken. Einige Social-Media-Plattformen tun jedoch alles, um den Datenzugang erheblich zu erschweren. Weil wir nach ethischen Grundsätzen arbeiten, erheben wir ausschließlich zulässige Daten. Diese sind leider manchmal nur beschränkt verfügbar. Feindliche Organisationen ignorieren hingegen solche Verbote zu ignorieren. Wir tun das nicht.”
Das Team von LetsData untersuchte den Diskurs lokaler Telegram-Kanäle in nach dem 24. Oktober 2022 besetzten sowie frontnahen Gebieten. Ksenija erklärt:
„Wir veröffentlichten eine Studie mit verschiedenen praktischen Beispielen und Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung von Propaganda und Desinformation. Auf Basis dieser Erkenntnisse wurden an lokale Verwaltungen diverse Botschaften übermittelt. Sie erarbeiten Strategien und Maßnahmen und setzen diese um – mit recht guten Ergebnissen.”
Die Rückkehr nach Hause der von der Russischen Föderation deportierten Kinder. Bildquelle: Radio Swoboda.
Im Rahmen internationaler Projekte ist als Beispiel die Verbreitung verlässlicher Informationen über die Zwangsdeportation von Kindern zu nennen:
“Gemeinsam mit dem ukrainischen Außenministerium und einer Reihe weiterer Organisationen haben wir einmal den Hinweis gegeben, dass das Thema der illegalen Abschiebung ukrainischer Kinder am geringsten das Eindringen russischer Narrative aufweist. Das war eine Gelegenheit, nicht direkt gegen ein Narrativ vorzugehen, sondern stattdessen die Wahrheit zu verbreiten, die belegt, dass das von Russland verbreitete Weltbild nicht der Realität entspricht. Um dieses Thema kümmerte sich dann die PR Army. Und genau in diesem Bereich gelang es, russische Narrative in den europäischen Medien vollständig zu eliminieren. Ich halte das für einen großen Erfolg, da es dazu beitrug, dass letztlich ein Haftbefehl gegen Putin im Zusammenhang mit der illegalen Deportation ukrainischer Kinder erlassen wurde.”