Die fünf Säulen des russischen imperialen Nationalismus

Die fünf Säulen des russischen imperialen Nationalismus

23. September 2026

Putin hat den Krieg gegen die Ukraine nicht persönlich entfesselt. Oder besser gesagt, nicht er allein. Der Krieg wurde vom russischen imperialen Nationalismus begonnen und wird von ihm geführt. Putin und seine Kompliz:innen sind die neueste Inkarnation des Nationalismus.

Text
Von dem ukrainischen Historiker Oleksandr Zaitsew

Kurz nach der Annexion der Krim gestand Putin: “Der größte Nationalist in Russland bin ich.” Und fügte sogleich hinzu: “Aber der richtige Nationalismus ist es, Handlungen und Politik so zu gestalten, dass sie dem Volk zugutekommen.”

Putins Handlungen und seine Politik zeigen, dass er das Wohl des russischen Volkes in der Eroberung von Nachbarstaaten und der Aneignung fremder Territorien sieht. Die massive Unterstützung der Russ:innen für die Aggression gegen die Ukraine hat gezeigt, dass ein bedeutender Teil der dortigen Gesellschaft Putins Auffassung vom nationalen Wohl uneingeschränkt teilt. Dieses Verständnis von nationalen Interessen ist die Essenz des imperialen Nationalismus, der vorherrschenden Ideologie des modernen Russlands.

Anmerkung der Redaktion
Dieser Beitrag ist Teil des Partnerprojekts zwischen Ukraїner und Local History.

Der russische imperiale Nationalismus entstand im neunzehnten Jahrhundert. Er überstand den Zarismus, den Kommunismus sowie die Versuche der Liberalisierung und überlebte bis in die Putin-Ära. Er nahm verschiedene Formen an, aber seine fünf Säulen sind fast immer unverändert geblieben, auf die er sich immer noch bis heute stützt – Imperialismus. Autokratie. Feindseligkeit gegenüber dem Westen. Messianismus. Und Hass auf die Ukraine.

Imperialismus

Die Encyclopaedia Britannica stellt fest, dass Imperialismus “die staatliche Politik, Praxis oder Befürwortung der Ausdehnung von Macht und Herrschaft, insbesondere durch direkte territoriale Annexion oder den Erwerb von politischer und wirtschaftlicher Kontrolle über andere Gebiete” ist.

Der Imperialismus ist dem russischen Staat von seinen Anfängen bis zum heutigen Tag inhärent. Es resultierte im neunzehnten Jahrhundert in der endgültigen Bildung einer imperialen Nation.

Der Zusammenbruch des Imperiums in 1917-1918 hat den Imperialismus nicht zerstört. Er wurde als staatliche Politik in Stalins UdSSR wiederbelebt, die ihrem Wesen nach ebenfalls ein Imperium war. Auch der Zusammenbruch der Sowjetunion hat ihn nicht vernichtet. Nach einem vorübergehenden Rückzug in den Jahren 1989-1999 ging er unter Putins Regierung sogar wieder in die Offensive und gipfelte im Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Heute ist der russische Imperialismus eine Bedrohung nicht nur für die Ukraine, sondern für die ganze Welt.

Autokratie

Ich verwende den Begriff “Autokratie” in dem Sinne, der dem altgriechischen Begriff “Alleinherrschaft” entspricht. “Alleinherrschaft” ist die russische Form der Autokratie, eines politischen Regimes, das auf der unbegrenzten Macht einer einzelnen Person beruht.

Die Besonderheit der russischen Autokratie im Vergleich zu anderen Formen der Autokratie ist ihre tiefe Verwurzelung in der Mentalität und der politischen Kultur der Russ:innen. Dies spiegelt sich in ihrer Neigung wider, an einen “guten Zaren” zu glauben, unabhängig davon, ob er “Souverän und Alleinherrscher ganz Russlands”, “allrussischer Imperator”, “Generalsekretär” oder “Präsident der Russischen Föderation” genannt wird.

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Die moderne Form der russischen Autokratie ist der Putinismus. Kein Wunder, dass Putins Herrschaft oft mit der Herrschaft von Kaiser Nikolaus I. verglichen wird. Diese Analogie ist übrigens sehr ermutigend für uns, denn die Herrschaft dieses Zaren endete in einer militärischen Niederlage, die der Autokrat nicht überlebt hat.

In den letzten Jahren wird Putin jedoch häufiger mit einem anderen Autokraten – Hitler – verglichen, und das Kreml-Regime selbst wird als faschistisch eingeordnet. Tatsächlich steht das derzeitige System der Russischen Föderation nicht nur in der Tradition der russischen Autokratie des Zarismus und Stalinismus, sondern auch in der Tradition des europäischen Faschismus. Und sogar mehr – des Hitlerismus.

Gibt es Hoffnung, dass Russland jemals die Autokratie abschafft und ein demokratischer Staat wird? “Demokratie ist in Russland nicht möglich. Weder jetzt noch in der Zukunft. Entweder Russland oder Demokratie”, sagt Wadym Kirpitschow, einer von Putins loyalsten Anhänger:innen.

Dabei ist jedoch zu bedenken, dass Russland in seiner jüngeren Geschichte bereits dreimal den Weg zur Demokratie eingeschlagen hat – mit der ersten und zweiten russischen Revolution sowie der Perestroika. Jedes Mal endete dies jedoch mit einem Rückfall in den Autoritarismus – die Stolypin-Reaktion des damaligen russischen Premierministers Pjotr Stolypin, die bolschewistische Diktatur und schließlich die Oligarchie der 1990er Jahre, aus welcher der Putinismus hervorging. Man solltauch nicht vergessen, dass alle großen Reformen und Revolutionen in Russland nach verlorenen Kriegen begannen. Daher könnte die Niederlage Russlands im aktuellen Krieg eine neue Chance für die russische Demokratie sein.

Feindseligkeit gegenüber dem Westen

Jeder autoritäre Nationalismus braucht ein Feindbild – die Vorstellung eines Feindes, der die Nation angeblich bedroht. Für das russische imperiale Projekt waren die traditionellen Feind:innen der Westen, die Ukraine und Jüdinnen und Juden. Die “jüdische Bedrohung” wird im offiziellen Diskurs zwar nicht mehr als relevant angesehen, auch wenn diese antisemitische Verschwörungsideologie manchmal durch die Rhetorik des Leiters der russischen Diplomatie hervortreten kann. Gleichzeitig ist sie inoffiziell immer noch weit verbreitet. Aber die Feindseligkeit gegenüber dem Westen und der Ukraine hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß angenommen.

Die russische Feindschaft gegenüber dem Westen reicht mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurück. Sie nahm im imperialen Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts eine ideologische Form an. Der polnische Aufstand von 1830-1831 war eine Art Rubikon, der in Europa eine massive Sympathie für die Pol:innen auslöste und gleichzeitig zu einem Ausbruch antirussischer Gefühle führte. Sowohl das zaristische Regime als auch ein bedeutender Teil der russischen intellektuellen Elite sahen darin eine Bedrohung für das Imperium.

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Ein Denkmal für Alexander Puschkin mit seinem Gedicht: „Ist das Wort des russischen Zaren machtlos? Müssen wir erneut gegen Europa kämpfen? Oder hat der russische Mann vergessen, wie man siegt?“

Oleksandr Puschkin, der in seiner Jugend ein Freund der Dekabrist:innen war und freiheitsliebende Gedichte verfasste, schrieb über die polnischen Aufständischen: “Sie müssen schließlich erdrosselt werden”. Und in einem Brief an den Chef der Gendarmerie, Oleksandr Benkendorf, war er wütend: “Das wütende Europa greift Russland noch immer nicht mit Waffen, sondern mit täglichen Verleumdungen an.” Der Höhepunkt der Empörung des Dichters über das liberale Europa war das Gedicht “Den Verleumdern Russlands”, das erste poetische Manifest des russischen imperialen Nationalismus, das Puschkin die höchste” Anerkennung von Nikolaus I. einbrachte. Und zugleich die Verachtung seines ehemaligen Freundes Adam Mickiewicz.

Fast zwei Jahrhunderte sind vergangen, aber die Unterwürfigkeit einiger russischer “Intellektueller” hat sich nicht geändert. Sie schmeicheln dem neuesten Autokraten und rufen immer noch dazu auf, aufmüpfige Nachbar:innen zu “erwürgen”. Sie bedrohen Europa jedoch heute nicht mit mehr Bajonetten (wie das in Puschkins Gedicht zu lesen ist), sondern mit Atomwaffen.

Der Traum von einem Reich, das wie eine “heilige Arche” über den Ruinen des Westens schweben würde (wie Fedir Tjutschew träumte), wurde jedoch nie wahr. Der Krimkrieg von 1853-1856 zeigte Russlands Rückständigkeit und Ohnmacht gegenüber dem westlichen Gegner. Und die nachfolgenden Konflikte, in denen der Westen solidarisch agierte, bestätigten die Unfähigkeit der Russ:innen, im Kampf der Zivilisationen zu gewinnen.

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Die Karte des Krimkriegs. Quelle: Encyclopedia Britannica

Das in der Konfrontation mit dem Westen entstandene Ressentiment ist zu einem fruchtbaren Boden für den russischen imperialen Nationalismus geworden. Daraus entstehen Gefühle der Kränkung, der Wut auf die vermeintlichen Verursacher:innen der russischen Misserfolge und der Wunsch nach Rache oder Vergeltung… Russlands Misserfolge in den Konflikten mit dem Westen – von der Niederlage im Krimkrieg bis zur NATO-Erweiterung – haben das kollektive Ressentiment verstärkt und das Wachstum eines kompensatorischen Kultes imperialer Größe gefördert. Heute sind wir Zeug:innen seines neuen Ausbruchs.

Messianismus

Der russische imperiale Nationalismus war nicht in der Lage, den Westen durch militärische Aktionen oder wirtschaftlichen Wettbewerb zu besiegen, und griff daher auf die Idee des russischen Messianismus zurück. Er behauptet, die Russ:innen, obwohl sie dem Westen technisch und wirtschaftlich unterlegen sind, besäßen eine höhere geistige Wahrheit, die sie der Welt bringen sollen.

Welche “höhere Wahrheit” könnte Russland der Menschheit bieten? In dieser Frage lässt sich eine bizarre Konvergenz der Meinungen zwischen linken und rechten Intellektuellen beobachten. Ihrer Vision zufolge ist das russische Volk dazu aufgerufen, eine neue Zivilisation zu schaffen, die die Vorherrschaft des “verfallenden” Westens beenden wird.

Der Anarchist und revolutionäre Nationalist Mychailo Bakunin schrieb über das russische Volk: “Wir glauben an seine Zukunft und hoffen, dass es, frei von den Vorurteilen, die sich im Westen verfestigt haben und zum Gesetz geworden sind: religiös, politisch, rechtlich und sozial, der Geschichte einen neuen Anfang geben und eine andere Zivilisation schaffen wird; einen neuen Glauben, ein neues Gesetz und ein neues Leben.”

Der religiös-konservative Denker Konstantin Leontjew schloss sich ihm an: “Russland, das das Haupt einer Art neuer östlicher Staatlichkeit werden soll, muss der Welt auch eine neue Kultur geben, die die alte Zivilisation des romanisch-germanischen Europas durch diese neue slawisch-östliche Zivilisation ersetzt”.

Später griffen die Bolschewiki das Banner des Messianismus auf. In der kommunistischen Redaktion durchlief diese “höhere Wahrheit” mehrere Wandlungen. Russland war das “Bollwerk der Weltrevolution”, “das erste Land des siegreichen Sozialismus”, “Befreier Europas vom Faschismus”, “Kämpfer gegen Kolonialismus und Neokolonialismus” und schließlich “Garant des Weltfriedens”. Der sowjetische Messianismus ging jedoch zusammen mit der gesamten politischen Religion der damaligen Zeit unter, und am Ende des Bestehens der UdSSR war er zu einer Demagogie geworden, an die niemand mehr glaubte.

Heutzutage sehen wir erbärmliche Versuche, die russische messianische Idee wiederzubeleben. Imperiale Nationalist:innen wollen wieder alle befreien und retten: den Donbas – von der Ukraine, die Ukraine – vom “Nazismus”, die Menschheit – von der westlichen Vorherrschaft, den Westen – von der US-Vorherrschaft. Jede dieser Ideen ist durch und durch falsch. Der russische Messianismus hat sich schließlich in eine Tarnung verwandelt, um den nackten Imperialismus zu verbergen.

Hass auf die Ukraine

Das Wesen des imperialen Nationalismus besteht in der Feindseligkeit gegenüber nationalen Bewegungen, die die Herrschaft der herrschenden Nation und die Existenz des Reiches selbst bedrohen. Aus der Sicht des russischen Zaren war die ukrainische Nationalbewegung die größte Gefahr.

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Die kaiserlichen Nationalist:innen konnten den Verlust Polens hinnehmen, aber ein Russisches Reich ohne die Ukraine war für sie undenkbar. Deshalb setzten sie alles daran, die ukrainische Bewegung an der Wurzel zu vernichten, noch bevor sie stärker wurde und begann, politische Ziele zu formulieren. Sie scheiterten. Das ukrainische Nationalprojekt ging als Sieger aus dem Wettbewerb mit dem imperialen Konstrukt der “dreieinigen” russischen Nation hervor.

In ihrer ohnmächtigen Wut schufen die imperialen Nationalist:innen den Mythos, dass die Ukraine und die ukrainische Nation von Russlands Feind:innen – den Polen, Österreichern und Deutschen – erfunden wurde. Und schließlich von Lenin und den Bolschewikien. Diese These vertrat Putin in seinem Artikel “Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern”, in dem er die historische Grundlage für die Existenz der ukrainischen Nation und des ukrainischen Staates bestritt. Putin war der Ansicht, dass die Ukraine einst von Feind:innen und Bolschewik:innen künstlich geschaffen wurde und nun von anderen Feind:innen in ein “Anti-Russland” verwandelt werde. Und das würde Moskau niemals akzeptieren. Weitsichtige Analyst:innen wiesen damals darauf hin, dass der Artikel eine ideologische Rechtfertigung für den kommenden Krieg sei. Auch wenn das damals nur wenige glaubten.

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Wladimir Putin feiert die Besetzung des ukrainischen Territoriums: Oben auf dem Bildschirm steht „Für immer zusammen“. Quelle: Getty Images

Im April, schon während der russischen Invasion, veröffentlichte die Agentur “RIA Nachrichten” einen Artikel von Tymofij Sergejtsew mit dem Titel “Was soll Russland mit der Ukraine machen?”. Dieser Text wurde zum Kronjuwel des russischen Hasses auf die Ukraine. Der nationale Widerstand der Ukrainer:innen überzeugte den Autor davon, dass die Mehrheit des Volkes “vom Naziregime beherrscht und in seine Politik hineingezogen” worden sei, weshalb die “Entnazifizierung” unweigerlich zur “Ent-Ukrainisierung” werden müsse.

Sergejtsews Plan zur “Entnazifizierung” sieht die physische Vernichtung der Ukrainer:innen vor, die den Staat mit Waffen verteidigen, die Beseitigung der “Banderiten-Elite” und die Bestrafung der übrigen Bevölkerung für die Unterstützung der “Nazi-Regierung”. Die Ukraine sollte aufhören, als Nationalstaat zu existieren, der Name “Ukraine” sollte verschwinden. Ihr Territorium sollte in “Volksrepubliken” aufgeteilt werden. Alle Teile – mit Ausnahme des katholischen Westens – sollen in die “russische Zivilisation” integriert werden.

Solche Artikel könnte man als Hirngespinste ignorieren, wenn sie nicht von einer staatlichen russischen Agentur veröffentlicht würden und ihr Inhalt mit den tatsächlichen Handlungen der russischen Besatzer:innen in der Ukraine nicht übereinstimme.

Der Ukraine-Hass der imperialen Nationalist:innen hat in der Tat ein völkermörderisches Ausmaß erreicht. Die Ukraine hat es mit einem schrecklichen Feind zu tun, der die Existenz der ukrainischen Nation und des ukrainischen Staates bedroht. Es ist unmöglich, ein Abkommen über eine friedliche Koexistenz mit dem russischen imperialen Nationalismus zu schließen. Nur sein völliger Zusammenbruch und seine Ersetzung durch einen “normalen” Nationalismus, der sich auf die Modernisierung des Staates konzentriert und nicht die Unterdrückung von Nachbarvölkern und die Inbesitznahme fremder Gebiete abzielt, kann Russland verändern.

Der russische imperiale Nationalismus muss zerschlagen werden!

Beitragende

Autor des Textes:

Oleksandr Zaitsew

Übersetzer:

Oleksij Obolenskyj

Redakteurin:

Björn Milbradt

Chefredakteur von Ukraїner International:

Christopher Atwood

Grafiker:

Sofija Sulij

Content-Manager:

Kateryna Jusefyk

Koordination:

Iryna Opryschko

Betriebsleiterin bei Ukraїner International:

Iryna Stepanjak

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