Über Grenzen hinweg verbunden: Die Schweizerisch‑ukrainische Zusammenarbeit verbucht demnächst die 10’000ste Kastration

Über Grenzen hinweg verbunden: Die Schweizerisch‑ukrainische Zusammenarbeit verbucht demnächst die 10’000ste Kastration

19. August 2026

Die Tierschutzorganisation NetAP — Network for Animal Protection engagiert sich seit 2008 für nachhaltigen und wirksamen Tierschutz in der Schweiz und in vielen Ländern dieser Erde. Dabei bilden Kastrationsprogramme für Hunde und Katzen den Schwerpunkt. Bereits 2012, anlässlich der Fussball-EM, waren Tierärzte von NetAP in der Ukraine, um interessierte Veterinäre in minimalinvasiven Kastrationstechniken zu schulen. 

Als im Februar 2022 der Krieg in der Ukraine ausbrach, reagierte Esther Geisser, Gründerin und Präsidentin von NetAP, erneut ohne zu zögern. Sie initiierte gemeinsam mit der gebürtigen Ukrainerin Victoria, die sich bereits seit 2019 als Freiwillige bei NetAP engagiert, ein Nothilfeprogramm für die betroffenen Regionen in der Ukraine. Aus dieser schnellen Reaktion entwickelten sich innerhalb kurzer Zeit breit abgestützte Tierschutzprojekte, die demnächst einen bedeutenden Meilenstein erreichen: 10’000 Hunde und Katzen, die medizinisch versorgt und kastriert wurden.

Frühjahr 2022: Eine Phase reiner Nothilfe in der Ukraine

Mit dem Kriegsbeginn veränderte sich die Situation für die Tiere in der Ukraine schlagartig. Millionen Menschen mussten ihre Häuser umgehend verlassen und unzählige Haustiere wurden abrupt von ihren Familien getrennt und zurückgelassen. Tierheime waren innerhalb weniger Tage überfüllt, es fehlte an Futter, grundlegenden Medikamenten und stabiler Infrastruktur.

Nikopol UA Beach Area. Foto: NetAP.

Nikopol UA Beach Area. Foto: NetAP.

In dieser akuten Notlage startete NetAP umgehend mit der Katastrophenhilfe. Es wurden die Beschaffung und Verteilung von dringend benötigtem Tierfutter für betroffene Regionen organisiert, lebenswichtige veterinärmedizinische Produkte bereitgestellt und lokale Tierheime finanziell unterstützt, damit sie ihre Arbeit trotz der chaotischen Umstände fortsetzen konnten. In Rumänien, an den Grenzen zur Ukraine und am Hauptbahnhof in Bukarest unterstützten lokale NetAP-Tierärzte, Partner und Helfer die Flüchtenden und ihre Haustiere, indem sie ihre Tiere medizinisch untersuchten und behandelten und sie für die Weiterreise mit Tieren legal mit den notwendigen Papieren und Hilfsgütern (unter anderem Transportboxen, Leinen, Halsbänder, Futter, Antiparasitenmittel) versorgten. 

3_Siret 2022_Foto NetAP 1.webp1x

Siret 2022. Foto: NetAP.

4_Kastration-Prävention-Ukraine-Dnipro_Foto_ NetAP 1.webp1x

Kastration Prävention Ukraine Dnipro. Foto: NetAP.

Victoria

Victoria.

Diese erste Phase war geprägt von schnellem Handeln, pragmatischen Lösungen und dem Ziel, Tiere in unmittelbarer Lebensgefahr zu stabilisieren und deren Grundversorgung sicherzustellen.

Hilfe für Ukrainer in der Schweiz

Sofort nach Kriegsbeginn richtete NetAP eine E-Mail-Adresse ein, an die sich Flüchtende mit Haustieren in der Schweiz in ihrer Muttersprache wenden konnten. Volontärin Victoria beriet in der Folge unzählige Tierhalter und konnte sie nach Prüfung des Anliegens und der Papiere jeweils an die richtige Stelle weiterleiten. Zahlreiche Hilfsgüter und vor allem viele kostenlose Kastrationen wurden Tierhaltern, die ihre Tiere aus der Ukraine mitgebracht hatten, schnell ermöglicht, was das Ankommen in einem fremden Land erleichterte.

Borodianka: Eine Tragödie wird zur grossen Chance

Während der russischen Besetzung von Borodyanka konnte niemand in das örtliche Tierheim. Die Verantwortlichen waren geflohen und die Hunde wurden sich selbst überlassen. Alle Hilfegesuche für einen grünen Korridor, um das Tierheim zu räumen, scheiterten. Erst nach Abzug der Russen gelang es Helfern, wieder ins Tierheim zu gelangen. Unglaubliche 222 der 485 Hunde überlebten wie durch ein Wunder dieses unvorstellbare Grauen. NetAP leistete finanzielle Soforthilfe für eine umgehende Versorgung der Überlebenden. Eine davon war die alte Barsa. 

Hund Barsa_Foto: NetAP.

Hund Barsa. Foto: NetAP.

Mit ihrem hohen Alter und einer Behinderung erschien es unmöglich, für sie ein neues Zuhause zu finden, während andere Hunde sehr schnell Aufnahme bei Tierschutzorganisationen fanden. Deshalb entschied sich NetAP, eine Ausnahme von der Regel, keine Tiere zu importieren, zu machen, und Barsa und eine weitere  Überlebende als Botschafter ihres Schicksals zu adoptieren. Aufgrund der strengen Vorschriften dauerte es lange, bis die beiden in die Schweiz einreisen durften. Sie fanden vorübergehend bei einem langjährigen NetAP-Partner in Rumänien Unterkunft, wo sie während der Quarantänezeit umsorgt und betreut wurden, bis sie schliesslich im August 2022 in eine liebevolle Familie in der Schweiz aufgenommen werden konnten. 

Barsa aus Borodjanka und Esther aus der Schweiz.

Barsa aus Borodjanka und Esther aus der Schweiz.

Von der Katastrophenhilfe zum dauerhaften Kastrationsprogramm

Die Tragödie von Borodianka hat deutlich gezeigt, dass kurzfristige Nothilfe zwar lebenswichtig ist, aber allein nicht ausreicht, um das Leid der Tiere langfristig zu verringern. Während die Versorgung mit Futter und Medikamenten in der Anfangsphase entscheidend war, wurde schnell klar, dass die Zahl der streunenden Tiere ohne gezielte Massnahmen weiter stark ansteigen würde.

Mit dem Übergang von der akuten Krise zu einem langanhaltenden Kriegszustand hat NetAP deshalb den Schwerpunkt des Ukraine-Engagements angepasst: Aus der reinen Nothilfe entwickelte sich ein nachhaltiges Kastrationsprogramm für Hunde und Katzen.

NetAP Projekte Programme Ukraine.

NetAP Projekte Programme Ukraine.

Für Menschen ausserhalb der Ukraine mag die Kastration während eines Krieges zweitrangig erscheinen. Vor Ort ist sie jedoch unverzichtbar. Ein einziges unkastriertes Tier kann innerhalb weniger Jahre Hunderte Nachkommen hervorbringen. In einem Kriegsgebiet bedeutet dies für die meisten dieser Tiere ein Leben voller Hunger, Krankheit, Kälte und Gewalt.

„Für uns ist die Kastration weit mehr als ein Routineeingriff. Sie ist die humanste Möglichkeit, die Zahl der Strassentiere zu reduzieren und zukünftiges Leid zu verhindern. Dank NetAP können wir jeden Monat rund 100 Tiere kastrieren.“

— Liuda, Tierheim „The Ginger Dog“, Iwano-Frankiwsk

9_Liuda 1.webp1x

Liuda.

10_Catzen schlafen 1.webp1x

Catzen schlafen.

Durch die konsequente Kastration wird zukünftiges Leid verhindert. Die vorhandenen Ressourcen können gezielt für die Tiere eingesetzt werden, die bereits heute dringend Hilfe benötigen. Das Programm trägt dazu bei, die Situation für lokale Tierschützer/innen zu stabilisieren und die Zahl der Tiere zu reduzieren, die sonst in eine ausweglose Lage geboren würden.

Verlässliche Partner vor Ort: Ein Netzwerk über die gesamte Ukraine

Für die Umsetzung der Kastrationsprogramme sind engagierte, erfahrene und vertrauenswürdige Partnerorganisationen vor Ort entscheidend. NetAP arbeitet dafür eng mit drei zentralen Organisationen in Dnipro, Nikopol und Iwano‑Frankiwsk zusammen.

Gemeinsam mit diesen lokalen Teams koordiniert Victoria als Projektverantwortliche die Abläufe zwischen der Unterstützung aus der Schweiz und den praktischen Herausforderungen im Kriegsgebiet. Jede Region steht vor eigenen Herausforderungen: direkte Beschüsse, Evakuationen, grosse Zahl an heimatlosen Tieren oder die Aufnahme von Tieren aus Frontgebieten.

„Heute ist Dnipro die grösste Frontstadt. Unsere Hotline steht nicht still: Menschen, die ihre Häuser verloren haben, und Militärangehörige bitten uns täglich, Tiere aus Kampfgebieten zu retten. Die Zahl der heimatlosen Tiere ist überwältigend. Die Unterstützung von NetAP gibt uns die Kraft, weiterzumachen.“  

— Iryna und Anna, Tierheim „Host a Friend“, Dnipro

Iryna, Tierheim „Host a Friend“, Dnipro

Iryna, Tierheim „Host a Friend“, Dnipro

Anna, Tierheim „Host a Friend“, Dnipro

Anna, Tierheim „Host a Friend“, Dnipro

Trotz dieser schwierigen Bedingungen gelingt es den Partnerorganisationen, kontinuierlich und mit hoher Qualität zu arbeiten. Die enge Zusammenarbeit bildet das Rückgrat des gesamten Programms und ermöglicht es, auch unter widrigsten Umständen verlässliche und nachhaltige Tierschutzarbeit zu leisten.

Kastration Prävention Ukraine. Foto: NetAP.

Kastration Prävention Ukraine. Foto: NetAP.

Die Puppy Station in Dnipro

Ein sehr wichtiges gemeinsames Projekt neben den Kastrationsprogrammen war der Aufbau einer Spezialstation für Welpen in Dnipro. Junge Hunde gehören zu den verletzlichsten Tieren im gesamten Straßenbestand. Ihr Immunsystem ist noch nicht ausgereift, sie sind besonders anfällig für schwere, oft tödliche Viruserkrankungen, und die Winter auf der Straße überleben die meisten von ihnen nicht.

Die neu gebaute Puppy Station bietet einen geschützten, hygienischen und temperaturkontrollierten Raum, in dem Welpen sicher untergebracht werden können. Dort werden sie medizinisch untersucht, geimpft, gepflegt und, sobald sie alt genug sind, kastriert und zur Adoption vorbereitet.

14_Puppy Station Ukraine_Foto_ NetAp 1.webp1x

Puppy Station Ukraine. Foto: NetAP.

15_Puppy house 1.webp1x

Puppy house.

Diese Einrichtung entlastet die lokalen Organisationen erheblich und verbessert die Überlebenschancen der jungen Tiere nachhaltig. Sie ist ein Beispiel dafür, wie gezielte Infrastrukturmassnahmen den Tierschutz im Kriegsgebiet langfristig stärken können.

Langzeitfolgen und sinkende Spenden

Mit zunehmender Dauer des Krieges hat sich die Situation für Tiere und Tierschutzorganisationen in der Ukraine stark verändert. Die internationale Aufmerksamkeit schwindet, viele Menschen sind wirtschaftlich belastet und die lokalen Spenden innerhalb der Ukraine sind deutlich zurückgegangen. Familien, die früher kleine Beträge für den Tierschutz aufbringen konnten, müssen heute jeden verfügbaren Hrywnja für den eigenen Lebensunterhalt oder die Unterstützung von Angehörigen an der Front einsetzen. Dieser Rückgang der lokalen Unterstützung macht internationale Partnerschaften wie jene zwischen NetAP und den ukrainischen Tierheimen wichtiger denn je.

„Nikopol liegt nur wenige Kilometer vom besetzten Atomkraftwerk Saporischschja entfernt. Seit über vier Jahren erleben wir täglichen Beschuss. Viele Menschen verlassen die Stadt – und lassen ihre Tiere zurück. Ohne die enge Zusammenarbeit mit NetAP wäre die Situation nicht kontrollierbar.“  

— Olena, Tierheim „Chance for Life“, Nikopol

16_NetAP Projekte Programme Ukraine 1.webp1x

NetAP Projekte Programme Ukraine.

17_NetAP Projekte Programme Ukraine.jpg 1.webp1x

NetAP Projekte Programme Ukraine.

Nachhaltigkeit ist der einzige Weg, um langfristig Verbesserungen zu erreichen. Ohne kontinuierlichen Einsatz und Unterstützung würden die erzielten Fortschritte der letzten Jahre innerhalb einer einzigen Saison zunichtegemacht. Wirkungsorientierter Tierschutz ist keine kurzfristige Hilfeleistung, sondern fordert ein langfristiges Engagement für die Gesundheit der Gemeinschaft und die Würde der Tiere.

18_NetAP Kastration Prävention Ukraine Dnipro 1.webp1x

NetAP Kastration Prävention Ukraine Dnipro.

Wie Sie helfen können

Die Zahl der Strassentiere in der Ukraine wächst weiterhin. Damit das Kastrationsprogramm und weitere Projekte zum Schutz der Tiere fortgeführt werden können, ist die fortlaufende Unterstützung entscheidend.

Spenden: Jeder Beitrag für die Kastrationsprogramme trägt dazu bei, zukünftiges Leid zu verhindern und hilft, die medizinische Versorgung, Impfungen und Futter für Tiere in Not zu decken.

www.netap.ch/spenden

19_NetAP Siret Border Ukraine War 2022 1.webp1x

NetAP Siret – Grenze zur Ukraine – Krieg 2022.

20_Dogs 1.webp1x

Hunde.

Dieses Projekt weitertragen: Indem Sie die Geschichte dieses Projekts teilen, helfen Sie, Aufmerksamkeit zu schaffen und Menschen zu erreichen, die ebenfalls unterstützen möchten. Sichtbarkeit ist ein wichtiger Teil nachhaltiger Tierschutzarbeit.

Verbundenheit zeigen: Jede Unterstützung stärkt die lokalen Teams, hält Kliniken geöffnet und ermöglicht, das Kastrationsprogramm langfristig fortzuführen.

Tiere im Krieg zu schützen bedeutet, ein Stück Menschlichkeit zu bewahren. Die Tierärzte, Tierpfleger und Freiwilligen in Dnipro, Nikopol und Ivano‑Frankivsk leisten jeden Tag Aussergewöhnliches und riskieren ihr Leben für die Tiere. Sie retten Tiere, die sich selbst nicht helfen können, und stärken damit das soziale Gefüge ihrer Gemeinschaften.

21_NetAP Projekte Programme Ukraine 1.webp1x

NetAP Projekte Programme Ukraine.

22_NetAP Projekte Programme Ukraine.jpg 1.webp1x

NetAP Projekte Programme Ukraine.

NetAP ist all den Spender/innen zutiefst dankbar, die diese Arbeit ermöglichen, sowie den ukrainischen Partnerorganisationen, die unter schwierigsten Bedingungen unermüdlich weiterarbeiten. Gemeinsam haben wir gezeigt, dass ein verlässliches Netzwerk Grenzen überwinden, einen Krieg überstehen und das Leben von tausenden Tieren nachhaltig verbessern kann.

Diese Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen. Wir werden weiterhin kastrieren, pflegen und die Menschen unterstützen, die sich vor Ort für die Tiere einsetzen. Und wir werden an der Seite der ukrainischen Tiere bleiben – heute und in Zukunft.

Beitragende

Autorin des Textes:

Victoria Zinyk

Redakteurin:

Anja Fischer

Content-Managerin,

Koordinatorin der Content-Manager:

Kateryna Jusefyk

Koordinatorin der Ukrainer auf Deutsch:

Iryna Opryschko

SMM-Koordinator:

Juan Gonzalez

Betriebsleiterin bei Ukraїner International:

Iryna Stepanjak

Chefredakteur von Ukraїner International:

Christopher Atwood

Entdecken Sie die Ukraine jenseits der Schlagzeilen - Geschichten, die inspirieren, direkt zu Ihnen

Wir teilen, woran wir gerade arbeiten