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Die Stadt Prypjat ist ein Beispiel der glänzenden Perspektiven und der furchtbaren Folgen. Schon bereits seit 30 Jahren ist die Stadt verlassen und mit Radiation kontaminiert. Prypjat heute ist ein Territorium von Legenden und trüben Landschaften. Hier herrscht die Natur. Dabei gibt es eine Perspektive zur Museumsstadt auf der internationalen Ebene, zur Gedenkstätte für eine riesige technogene Katastrophe zu werden. Man muss sicher diese Ortschaft besuchen, davon sind manche Prypjater überzeugt. Besuchen und weiter leben, damit es keine Städte, die de facto tot sind, auf dem Planeten mehr gäbe.

Prypjat ist eine Stadt in Kyjiw Oblast, die nicht weit von der ukrainisch-weißrussischen Grenze liegt, 2 km vom Tschornobyler Atomkraftwerk entfernt. Diese Stadt wurde als Sputnik-Stadt für Atomkraftwerk und als die neunte Atomgrad in der Sowjetunion geplant und erbaut.

Der Name des Flusses Prypjat, eines rechten Nebenflusses von Dnipro, gab der Stadt ihren Namen. Prypjat wurde 1970 gegründet und sollte eine Funktion eines Transportknotes zusätzlich zur Funktion einer Atomstadt, einer Kreuzung der Transportwege und eines Flussschiffahrtshafens erfüllen.

Atomgrad
So werden die Städte benannt, deren Einwohner in der Kernkraftenergie tätig sind.

Am 26. April 1986 gab es einen großen Unfall auf dem vierten Energieblock des Tschornobyler Atomkraftwerks. Am nächsten Tag fand die Evakuierung der ca. 47 Einwohner von Prypjat statt. Wegen des Unfalls wurde die Stadt mit Strahlung kontaminiert und fürs Wohnen der Menschen untauglich.

Seitdem ist die 30-Kilometer-Zone rund um die Station zu einer Sperrzone geworden. In dieser Sperrzone befinden sich das Atomkraftwerk selbst, die Städte Prypjat und Tschornobyl, der Nordteil des Polissja Rajons in Kyjiw Oblast und auch ein Teil von Schytomyr Oblast bis zur Grenze mit Belarus.

Die Geschichten von den Städten Prypjat und Tschornobyl sind eng miteinander verbunden. Die werden auch oft verwechselt, dies sind aber zwei komplett unterschiedliche Städte. Tschornobyl befindet sich 12 km von AKW entfernt, vor dem Unfall gab es fast 14000 Einwohner da. Die Stadt hatte keinen direkten Zusammenhang mit dem AKW. Das Atomkraftwerk wurde nach Tschornobyl genannt, weil es sich in Tschornobyl Rajon befindet.

Oleksandr

Oleksandr Syrota wurde in Cherson geboren und verbrachte seine Kindheit mit seiner Mutter, einer Schriftstellerin, Redakteurin und Übersetzerin Ljubow Syrota, in Prypjat. Oleksandr war 10 Jahre alt, als der Unfall passierte.

Die Stadt hat ihn wieder zu sich nach mehreren Jahren bestellt. Nun schreibt und filmt Oleksandr die Doku-Projekte, die der Stadt Prypjat und der Tschornobyler Tragödie gewidmet sind; er organisiert und führt die Führungen in der Sperrzone durch; er leitet die internationalle Organisation „Zentrum Prypjat.com“ und ist auch ein Mitglied des Gemeinderates bei der Staatsvertretung für Management der Sperrzone.

Unfall

Der Unfall geschah am 26. April 2016, am Samstag. Damals hatte man ein 6-Tag-System der Schulbildung, deswegen wachte der zehnjährige Oleksandr am Samstag in der Früh auf und ging in die Schule, in die 3. „B“ Klasse:

„Die Lehrer wurden zum Notfall-Meeting bestellt. Eher wegen dem Unfall am Atomkraftwerk. Nach der zweiten Unterrichtsstunde hörten wir eine Sirene in der Pause und liefen, um zu sehen, was dort los ware. Wir sahen eine ziemlich große Gruppe von besorgten Erwachsenen. Und auf dem Platz vor der Poliklinik gab es 10 Rettungsautos mit eingeschalteten Signalen. Wir fragten die Erwachsenen: ‚Was ist denn los?‘ Und dann sagte uns jemand, dass etwas bei dem Atomkraftwerk brannte und dass wir da störten und weg müssten. Und wir liefen dann schnell zur Autobahn, um den Brand am Atomkraftwerk mit eigenen Augen zu sehen.“

Oleksandr beschreibt alles, was er damals gesehen hat, so, wie er es als Kind damals sah:

„Man erzählt manchmal von einem riesigen Feuer, bis zum Himmel. Vielleicht war es auch so, aber nicht zu dem Zeitpunkt, als wir den Unfall sahen. Das Atomkraftwerk war mit Rauch umwickelt, als ob es ein Nebel wäre. Im Prinzip sahen wir kaum was Interessantes, ganz viele Helikopter flogen über unsere Köpfe.“

Ganz viele Einzelheiten blieben für immer in seinen Erinnerungen:

„Am 27. April um 12 Uhr wurde zum ersten Mal die Evakuation durch Lautsprecher angesagt. Zwei Stunden später kamen die ersten Busse. Ich war die ganze Zeit am Fenster, sprach mit den Freunden und meine Mutter war bei der Arbeit. Ich kann mich gut daran erinnern, dass vor der Evakuation, als wir schon draußen waren, meine Mutter von den Mitarbeitern der Hausverwaltung und der Miliz abgeholt wurde. Die wollten alle Räumlichkeiten versiegeln. Dann stiegen wir in einen Bus ein, der stand gleich beim Hauseingang, und fuhren los. Damals dachte man, dass die Evakuation nur wenige Tage dauern würde. Wozu würde man ein großes Gepäck mitnehmen, wenn das alles drei Tage lang dauern sollte. Alle nahmen nicht so viel Kleidung, Dokumente, etwas zum Essen mit und die Tage wurden zuerst als zusätzliches Wochenende wahrgenommen.“

Die Mutter musste um die Wohnung in Kyjiw einfach kämpfen. Das war das Neue Jahr 1987. Und vorher wohnten wir wie Nomaden bei Freunden und Bekannten. Die Mutter bekam ihre Arbeit beim Dowschenko-Filmstudio. Und sie arbeitete dort schon bis zu ihrer Pension. So im Jahre 1988 hat Roland Serhijenko zusammen mit der Mutter von Oleksandr einen Publizistik-Film „Porih“ (ukr. „die Schwelle“ – Üb.) gedreht.

Dies war wohl der erste Dokumentarfilm über Tschornobyl, der nicht den sowjetischen Pathos zeigte, sondern die Realität. Bei der Konfliktkommission in Moskau wurde ihnen sogar gedroht, dass sie dafür erschossen werden könnten, weil sie sowohl die Militärzone, als auch die Gesundheitsprobleme der Leute nach dem Unfall gezeigt hätten.

Rückkehr

Zum ersten Mal kehrte Oleksandr nach Prypjat 1992 zurück:

„Ich wartete mehrere Jahre darauf, weil es für die Minderjährigen verboten war, sich in der Sperrzone zu befinden. Ich bat meine Mama, mir dabei zu helfen. Sie sagte, dass ich bis 16 warten müsste, dann könnte man da was anfangen. Mit 16 erinnerte ich meine Mama daran, was sie eigentlich mir versprochen hatte. Sie verabredete sich mit ihrem ehemaligen Kollegen vom Kulturpalast ‚Energetyk‘ Saschko Demydow (damals war er Direktor des TV-Senders der Stadt Slawutytsch), dass sie mich mitnehmen, sobald sie dort was drehen würden.“

Winter 1992, wir fuhren über Slawutytsch in die Sperrzone mit dem Bus. Ich wurde nach Prypjat gebracht und da einfach gelassen, das Team fuhr weiter, um beim AKW zu drehen. Fast 5 Stunden lang ging ich alleine durch die Stadt spazieren. Ich besuchte alle Orte meiner Kindheit. Und ich weinte so viel. Psychologisch war es sehr kompliziert für mich.

„Erst nach diesem Besuch konnte ich selbst verstehen, dass ich nicht zurückkehren könnte. Es gibt nichts. Und vielleicht war dieser Besuch dann entscheidend, womit ich mich jetzt beschäftige. Ich fand meinen eigenen Weg zurück.“

In meinem Zimmer fand ich fast gar nichts. Unser Bezirk befand sich unmittelbar in der Nähe der Station, deswegen wurde da alles total bereinigt. Möbel und Kühlschränke wurden von Fenstern rausgeworfen. Dann wurde alles im Sand begraben. Nur ganz wenige Sachen sind geblieben: eine Lampe und Teile meines Konstruktors. Sonst wurde alles weggeworfen.

Wir hatten fast nichts wertvolles, deswegen wurde nichts gestohlen. Die Mama konnte im Mai 1986 zurückkommen und sie konnte einige Fotos und ihre Pelzhauben mitnehmen, die ihr dann so viele Probleme mit der Gesundheit eigentlich provozierten.

Aber diese Fotos – dies sind meine Erinnerungen, dank denen konnte ich nicht so einfach über die Stadt vergessen, und mehr oder weniger deswegen bin ich zurückgekommen. Nun bin ich permanent da. Ich arbeite mit Presse, Fernsehen, Filmen. Wir drehen über Prypjat ganz verschiedene Projekte, wir arbeiten mit Delegationen, die Interesse haben, hierher zu kommen und alles mit eigenen Augen zu sehen.

Und ich spüre, dass es mein Zuhause ist, diese Gefühle sind immer noch da. Es ist wohl einer der Gründe, warum ich nichts anderes machen kann. Sowieso komme ich immer wieder zurück. Egal was ich tue, kehre ich hierher zurück.

Prypjat

Oleksandr erzählt, dass die Stadt Prypjat bis zu 2000er Jahren eigentlich für einige Industrieanlagen funktionierte. Es war damals viel schwieriger, in die Sperrzone zu kommen. Niemand würde so viele Touristen hierher bringen. Die Infrastruktur war noch in einem deutlich besseren Zustand, aber Kontaminationsrisiko war auch deutlich höher. In Prypjat gibt es jetzt auch zwei Industrieunternehmen – eine Werkhalle, wo die spezielle Bekleidung deaktiviert wird, und eine Garage für LKWs, die radioaktive Abfälle transportieren.

„Es war so seltsam 1994, du kommst in die Stadt im Winter, alles dunkel und du hörst überall in die Stadt den Funk von der Stadtverwaltung, so Alla Pugatschowa ‚Million alych ros‘ (Ein Schlager von den Sowjetzeiten) singt. Eine grelle Lichtquelle – die Schwimmanlage ‚Lasurnyj‘ war für Personal damals offen.“

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Oleksandr erinnert sich, dass er vor diesem Besuch Prypjat oft in seinen Träumen gesehen habe, das wäre eine lebendige Stadt, voll von Leuten. Dann seien seine Träume anders geworden:

„Die Stadt kam wieder in meine Träume, aber nicht mehr so voll Leben. Da gab es verschiedene Variationen: wir wären zurückgekommen, der Zugang wäre entsperrt, die Stadt wäre rekonstruiert.“

Schaut euch unser 360-Grad-Video an, das wir zusammen mit The Farm 51 gedreht haben:

Die Häuser und Mikrorajone in Prypjat gehen allmählich zugrunde. Zuerst diejenigen, die aus Ziegel gebaut wurden, dann etwas später diejenigen, die aus Stahlbeton gebaut wurden. Und dass muss man vor allem beachten, wenn man ein Gebäude da betreten möchte:

„Die Straße, wo ich wohnte – Druschby Narodiw Straße – ist eine der ältesten Straßen der Stadt Prypjat. Da sind die Gebäuden in einem ganz schlechten Zustand. Die Fliesen sind alle da runtergefallen – das zeugt von der Zerstörung schon. So irgendwie fing es so mit dem Schulgebäude an: Zuerst die Fliesen und Bewurf, und dann, nach 1-2 Jahren, ging die ganze Sektion zugrunde.“

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„Das ist eines der Gebäuden, die bald zerstört werden. ‚Das gesunde Volk – das reiche Land!‘ – das ist einer der letzten Sprüche, die in Prypjat noch geblieben sind. Die ganze Stadt war einst von sowas voll. Die Stadt sah, wie Las Vegas der sowjetischen Gattung aus, – alles in Neon-Licht, alles schillerte und scheinte. ‚Lenins Partei ist die Kraft des Volkes, sie führt uns zum Triumph des Kommunismus!‘, ‚Möge der Atom nicht ein Soldat, sondern ein Arbeiter sein!‘, ‚Möge der friedliche Atom in jedes Haus kommen‘.“

Schule

„Meine Schule… Wenn meine ältere Lehrerin vor mir stünde, würde ich sagen, dass ich meine Schule schon mochte. Aber in der Tat hasste ich sie. Dann konnte ich so denken: ‚Hol dich der Teufel!‘ Seid bitte vorsichtiger mit euren Wünschen! Die werden erfüllt.“

Oleksandr zeigt uns, wo er seine drei Schuljahre verbracht hat:

„Da befand sich die Grundschule. Unter Trümmern im Erdgeschoß ist der Eingang in mein Klassenzimmer. Und unter jedem Treppenhaus gab es einen Eingang. In unserer Schule wurde er für Schwänzen benutzt. Das war aber ein brennendes Geheimnis. Und so schwänzten wir den Unterricht dort und fanden in dieser Räumlichkeit einen Fußball aus Leder. Es ist schon nicht so einfach den jetzigen Jungen zu erzählen, was eigentlich ein Fußball aus Leder in der Zeiten der Sowjetunion Ende 80er Jahre bedeutete. Aber für uns war das echt ein Schatz. Und wir spielten mit dem Ball und irgendwie dann war der Ball auf dem Dach einer Wärmeanlage. Und Schluss damit.“

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Einige Tage später kam der sogenannte Ball-Eigentümer, er schnappte uns in der Pause, ein cooler Bursche war etwas älter und hatte einen bösen Ruf. Und so in der Pause wurden wir zwei von ihm aufgeklärt, und als Folge wurde kollegial entschieden, dass wir ihm im Laufe von den nächsten 10 Tagen entweder einen Ball oder 10 Rubel pro Person zur Verfügung stellen. Hier muss ich eine Bemerkung machen, dass wir 10 Rubel noch seltener, als die Fußbälle aus Leder sahen. Deswegen war es nicht akzeptabel. Was sollten wir tun? Es wäre eigentlich besser, die Mama zu informieren, was da los wäre. Aber das könnten wir nicht, deswegen mussten wir uns verstecken. Zwei-drei Tage lang hätte das funktioniert. Und dann gab es eine Explosion auf dem Tschornobyler AKW und wir wurden mit so einem hellen Gefühl evakuiert, wir hatten zusätzlich drei Tage lang Luft, wir müssten nicht so unbedingt unseren ersten Erpresser treffen.

Wir hatten ein Treffen von unserer Klasse gehabt. Die Mehrheit der Klasse war dabei. Und wir erinnerten uns daran. Die Geographie, wo jetzt die Leute aus Prypjat wohnen, ist so weit – die ganze ehemalige Sowjetunion und das ganze Europa. Eigentlich war es damals einfacher, irgendwohin weiter weg zu fahren und eine neue gute Stelle zu finden, wenn du aus Prypjat bist, weil so weder kennt man sich aus noch spricht man viel.

Natur pur

Jahrzehntelang war die Tschornobyler Sperrzone ohne Menschen gelassen und es gibt einen jungen Wald da überall, wo jetzt die wilden Tiere leben. Mehrere Schutzarten kommen hierher zurück. Es gibt ganz viele Elche, Hirsche, Wölfe, Luchse. Und es kommen auch die Tiere, die noch nie in dem Gebiet gelebt haben. So gibt es schon graue Kraniche, braune Bäre, Seeadler und andere Tierarten, die ganz selten in dieser Gegend zu sehen sind. Es gibt auch in der Sperrzone eine Population der Przewalski-Pferde, die im 20. Jahrhundert im Naturraum komplett vernichtet wurden. In der Ukraine werden die Przewalski-Pferde im Naturschutzgebiet Askania-Nowa gezüchtet (lest unsere Geschichte über Askania-Nowa). Von dort wurde diese Art von wilden Pferden in den 90er Jahren in die Tschornobyler Sperrzone gebracht, wo diese Population schon ganz selbständig, ohne Präsenz des Menschen lebt. Es ist nicht einfach zu sagen, wie viele Przewalski-Pferde es in der Tschornobyler Sperrzone gäbe. Um die Pferde zu zählen, muss man die mit speziellen Halsbändern oder Chips kennzeichnen. Aktuell gibt es keine Organisationen, die sowas übernehmen würden.

Oleksandr Syrota erzählt darüber, dass einige Przewalski-Pferde die Sperrzone verlassen und zu den Menschen in ein Dorf kommen:

„Im Herbst 2014 kamen zwei wilde Stuten ins Dorf, wo ich mit meiner Familie schon ein Jahr lang wohnte. (2013 ist Oleksandr mit seiner Familie ins Dorf Dytjatky an der Grenze der Sperrzone umgezogen — Aut). Und die siedelten im Feld neben meinem Haus ein, die aßen die Reste bei fremden Gemüsegärten, und es entstand die Freundschaft zwischen denen und einem Hengst, der den Nachbarn gehört. Und die wollten da wohl bleiben, weil es denen hier gut ginge und es viel Essen gäbe.“

Das bereitete gewisse Schwierigkeiten für die Einheimischen vor, denn die Pferde ihre Gemüsegärten zerstörten:

„Die Pferde können es nicht verstehen, dass die Leute die Pflanzen selbst essen würden. ‚Ich esse es nicht, aber ich werde es wohl anbeißen‘ — das war der Fall. Wir haben versucht, die Pferde in die Sperrzone zurück zu bringen: Wir führten den Hengst, mit dem sie befreundet waren, in die Sperrzone mehrere Kilometer in Tiefe auch mit. Die folgten uns, aber dann eventuell kehrten nach Dytjatky zurück.“

Als Oleksandr verstand, dass solche Versuche vergeblich wären, baute er eine Freianlage 50 x 50 m für die Tiere am gleichen Grundstück, wo ihre Weide war. Diese Freianlage wurde zum temporären Zuhause für die Pferde.

Es gibt einige Versionen, wieso eigentlich die Stuten die Sperrzone verlassen haben und näher zu Menschen leben wollten. Oleksandr sagt, dass es von seinen Bekannten-Biologen vermutet wird, dass die einfach von den anderen Pferden aus der Herde rausgeschmissen wurden:

„Die Przewalski-Pferde haben so eine interne Hierarchie. Wenn die Töchter eines Hengst in Pubertät kommen, werden die von der Gruppe aus der Herde rausgeschmissen, sie sollen sich eine andere neue Herde suchen. Dies ist da wahrscheinlich passiert. Die suchen nach einem Hengst und konnten keinen in der Sperrzone finden. Deswegen haben diese zwei Stuten die Grenzen der Sperrzone verlassen und einen Hengst Namens Lord im Dorf gefunden und so eine neue Herde mit ihm geschaffen. Die haben weder nach unserer Erlaubnis, noch nach der Erlaubnis von Lord gefragt. Die haben es einfach so entschieden: Wir werden hier leben.“

Bis Herbst 2016 lebten die Pferde in der Freianlage. Man hat die gefüttert und versucht, ein neues passendes Zuhause für die zu finden:

„Ich habe schon die Hoffnung verloren, dass es eine erfolgreiche Idee wäre. Da niemand uns dabei unterstützen wollte. Obwohl das eine Schutzart ist, muss sich der Staat eigentlich um die kümmern, nicht wir auf unsere eigene Initiative und Kosten.“

Die Stuten haben dazwischen zwei Hybrid-Fohlen vom Hengst zur Welt gebracht. Die zwei Stuten bekamen die Namen Lilo und Stitch, wie die Charaktere eines Cartoons:

„Die Namen für die Fohlen hat mein Kind gegeben. Die Stuten wurden von uns genannt. Die heißen Pferd Nr. 1 und Pferd Nr. 2, weil wir ein Problemchen mit Fantasie haben.“

Eines Tages bekam Oleksandr dann einen Anruf vom Koordinatoren eines Zoos in Meschyhirja Serhij Hryhorjew. Er hat uns vorgeschlagen, dass wir es ausprobieren, die Tiere ins Freianlage in Sucholutschja zu bringen, wo es bessere Bedingungen für sie gäbe:

„Das war eine Sonderaktion überhaupt. Die wilden Tiere, die sich zwar an Menschen im Laufe von zwei Jahren gewöhnt haben, ließen niemanden mehr näher kommen. Die wurden nie im Leben transportiert. Und Zoologen und Tierärzte waren auch dabei, die Pferde wurden mit Beruhigungsmitteln sediert. Die ganze Aktion hat einen ganzen Tag gedauert, die Pferde wurden erfolgreich transportiert und die haben dort den Winter verbracht.“

Der Jagdclub „Kedr“ oder „Sucholutschja“ ist eine Nutzfläche, wo der ehemalige Präsident Viktor Janukowitsch und sein Team ab und zu auf Jagd waren. Jetzt wird auf diesem Territorium der „Dnipro-Teteriwer“ Naturpark geschaffen, mit der Hoffnung, dass Eko-Touristen statt Jäger dorthin kommen.

Oleksandr erklärt, dass es die ideale Variante für die Pferde war, die nach Sucholutschja umzusiedeln, denn in der Sperrzone gab es sogar mehr Gefahr für sie:

„Die könnten sicher zum Futter der Wölfe werden oder auf Leute stoßen. Die wilden Tiere riskieren immer: Raubtiere, Leute, Falleisen, Erdlöcher. Die haben zwei Jahre lang mit Leuten verbracht und die einzigste Variante war dieses Territorium, wo die Pferde sich wohlfühlen würden und wo es keine Wölfe gäbe.“

Führungen

Oleksandr organisiert Führungen in die Sperrzone. Er hat mit dieser Arbeit ganz bewusst, obwohl auch zufällig, angefangen:

„1997 kam ich unerwartet nach Prypjat. Damals habe ich mich mit Schwimmanlagenbau beschäftigt. Mein Chef hat mich in eine Dienstreise geschickt, damit ich vor Ort die Rekonstruktionsmöglichkeiten einschätzen könnte. Ich wusste nicht, wohin ich fahren musste, ich setzte mich ins Auto und schlief ein. Ich wurde wach und befand mich plötzlich in Prypjat, neben der Schwimmhalle ‚Lasurnyj‘. Damals war die Schwimmhalle für Personal der Sperrzone offen. Ich bin mir nicht ganz sicher, dass das eine globale Initiative für Rekonstruktion des Schwimmbades war. Es war eher so, dass ein Stellvertreter irgendeine Firma angerufen hat, damit sie es für ihn einschätzen, ob das überhaupt möglich wäre. Und es war so, dass ich überhaupt was anderes beruflich machte und hierher zurückkehrte. Und das war nicht ein Einzelfall, dass ich so in die Stadt zurückkam.“

Es kam so ein Moment, dass ich eine Entscheidung treffen musste, was ich weiter im Leben machen würde. Und ich habe einfach so entschieden, dass Tschornobyl für mich näher, interessanter wäre. Ich verließ meine Geschäfte und leitete alles an meinen Partner über. Das war 2004, damals könnte ich es mir kaum vorstellen, dass ich umziehen würde. Ich arbeitete remote, dann war es mir zu viel und ich suchte eine Wohnung näher zur Arbeit, damit ich nicht so viel hin und her fahren müsste. Mein Hauptgrund dafür war das, alles sonst ist schon Lyrik.

Wenn wir darüber reden, ob ich jemals daran gedacht hätte, hierher zurückzukehren und hier zu wohnen, das war noch vor meinem ersten Besuch. Damals glaubte ich noch, dass es einen Ort gäbe, wohin ich zurückkehren könnte.

„Ja, ich möchte hierher kommen und ich werde es weitermachen. Aber ich verstehe, dass es nicht wir seien, die hier wohnen würden, sondern Hirsche, Fuchs Semen und seine Kinder. Hier gibt es keine Perspektive für Menschen – das kann ich leider nicht ändern. Das ist so und wir leben damit schon jahrzehntelang in der Geschichte der modernen Ukraine.“

Oleksandr erklärt, warum es so wichtig für die Arbeit in der Tschornobyler Sperrzone wäre, einen erfahrenen und sich auskennenden Führer zu sein:

„Mehrere Tausende Besucher kommen in die Sperrzone jährlich und diese Tendenz entwickelt sich. Die Besucher von der ganzen Welt kommen hierher. Es gab noch keine Besucher aus Afrika, aber die Mehrheit der Besucher kommt aus anderen Ländern und Kontinenten. So eine Reise in die Sperrzone ist schon ein Risiko. Ich spreche jetzt nicht von der radioaktiven Kontamination. Wir stehe jetzt am Hof und hinter Gebüsch kann eine Gruppe wilder Tiere auf uns warten und wir würden die rechtzeitig nie sehen. Wölfe, Luchse… Man sieht auch, dass es Bären am linken Ufer des Flusses Prypjat gibt. Und es geht auch um den Zustand der Gebäude. Seht ihr, der erste Mikrorajon ist in einem sehr schlechten Zustand.“

Meine Vorstellung, wie die Sperrzone aussehen könnte, unterscheidet sich wohl von den Vorstellungen des Staates.

Ich wollte dieses Territorium so sehen, wie es schon de facto ist, aber auch mit dem entsprechenden juristischen Status. Das ist ein einzigartiges Naturschutzgebiet unter freiem Himmel, wo die Natur zeigt, dass sie trotz aller Bemühungen des Menschen sich selbst in Ordnung bringen kann. In Prypjat können die Menschen spüren, was die Einheimischen hier erlebt haben, sich in deren Rolle versetzen. Und danach muss man so weiter leben, dass es keine toten Städte mehr entstehen.

Ich war sehr empört, dass die Sperrzone für die Leute zur Attraktion geworden ist. Es war sehr arg in den ersten Jahren, als ich mit den Organisation der Touren in die Sperrzone begonnen hatte. Das war zum Kotzen. Und dann sah ich, wie die Leute nach Prypjat kamen und wie, in welcher Laune sie Prypjat verließen. Und nun sehe ich, dass die Motivation, die diese Leute hierher führte, eigentlich wurscht ist. Es ist wichtig, was sie von hier mitnehmen würden. Ich meine in dem Fall nicht die Souvenirs, sondern Kenntnisse und Erfahrungen.

Ich bekam auch viele Anrufe nach der Reise: „Wissen Sie, das, was Sie uns gezeigt haben, hat unsere Welt verdreht“. Es ist so persönlich für jeden und man teilt normalerweise solche Sachen mit anderen nicht.

Prypjat, die Oleksandr jeden Tag den Besuchern zeigt, ist doch mit der sowjetischen Erbe verbunden, er ist aber ein Ukrainer seiner Selbstidentität nach:

„Ich war noch klein, als die Ukraine unabhängig wurde. Und ich kann mich an die Emotionen erinnern, es war ein Glück. Ich glaube, dass die Ukraine selbständig sein muss, unabhängig von unseren Nachbarn und davon, wie sie uns sehen. Wir haben Recht auf Selbstidentifikation. Die Ukraine ist das verlorene und wiedergewonnene Vaterland, wenn wir so global sprechen. Die Familie meiner Mutter wurde unterdrückt und aus der Ukraine nach Kirgisien umgesiedelt. Die kamen erst nach mehreren Jahren zurück. Ich beobachtete, wie meine Mutter anfängt, sich als Ukrainerin zu identifizieren. Ich war und ich bin immer noch dabei.“

Wie wir gedreht haben

Ein Vlog darüber, wie wir nach Prypjat angekommen sind. Darüber, wie wir 5 Tage lang nicht geduscht haben und wie wir den 91-jährigen UPA-Verbindungsmann (Ukrainische Aufständische Armee), der noch lebt, besucht haben. Über ein neues Wort, das unser polnischer Fotograf theoretisch und praktisch während der Reise gelernt hat.

Beitragende

Gründer von Ukraїner:

Bogdan Logwynenko

Autorin des Textes:

Natalija Ponedilok

Redakteurin:

Jewhenija Saposchnykowa

Fotograf:

Taras Kowaltschuk

Mateusz Baj

Projektproduzentin:

Natalka Pantschenko

Kameramann:

Oleg Solohub

Lessyk Jakymtschuk

Drohnenpilot:

Oleksandr Syrota

Kameramann,

Tontechniker:

Pawlo Paschko

Filmeditorin:

Lisa Lytwynenko

Regisseur,

Filmeditor:

Mykola Nossok

Drehbuchautorin:

Karyna Piljugina

Bildredakteur:

Olexandr Chomenko

360-Grad-Kameramann:

The Farm 51

Transkriptionistin:

Olha Dmytruk

Maryna Rjabykina

Lilija Jurkiw

Übersetzerin:

Elina Fojinska

Folge der Expedition