Sohn und Vater in russischer Gefangenschaft: Die Geschichte einer krimtatarischen Familie

Sohn und Vater in russischer Gefangenschaft: Die Geschichte einer krimtatarischen Familie

15. April 2026

Die Entführung eines 19-jährigen Sohnes und ein Jahr später die seines Vaters – das könnte die Handlung eines spannenden Films sein, doch leider ist es die Realität einer krimtatarischen1Die Krimtataren sind ein autochthones Volk der Ukraine. Ihre ursprüngliche Heimat ist die Krim. Ihre Sprache, das Krimtatarische, zählt zu den Turksprachen. Die meisten Krimtataren leben aufgrund von Migration und Deportation in der Diaspora (Quelle: Denise Klein) Familie. Beide wurden von den Russen im Ort Nowooleksijiwka nahe der Stadt Henitschesk im besetzten Süden der Ukraine entführt und zu sieben bzw. acht Jahren Haft verurteilt.

Autorin
Anastasija Maruschewska,,
Journalistin und freie Redakteurin bei Ukraїner International, Mitbegründerin der gemeinnützigen Organisation PR Army

Wir haben mit Ayşe Kurtamet gesprochen, einer Krimtatarin, die für die Freilassung ihres Sohnes Appaz und ihres Ex-Manns Halil Kurtamet aus russischer Gefangenschaft kämpft. Sie berichtet über die anhaltende Verfolgung der Krimtataren durch Russland und die Unbegründetheit der Vorwürfe gegen ihre Familie.

Die Verfolgung der Krimtataren durch Russland dauert schon seit Jahrhunderten an. Die Repressionen im Russischen Reich und in der Sowjetunion, insbesondere der Völkermord von 19443Die Deportation der Krimtataren im Jahr 1944 war ein von den sowjetischen Behörden begangener Völkermord. Er wurde mit falschen Anschuldigungen gerechtfertigt, die Krimtataren hätten mit den Nationalsozialisten kollaboriert. (Quelle: Chrystyna Kozira), sind leider nicht nur in den Geschichtsbüchern zu finden. Seit der Besetzung der Krim 2014 und dem Beginn einer neuen Phase des Krieges 2022 werden die Krimtataren noch intensiver verfolgt und aufgrund erfundener Anschuldigungen inhaftiert.

Die Entführung von Appaz Kurtamet

Als die großangelegte Invasion begann, lebten Ayşe und ihr Sohn Appaz in Kyjiw, von wo aus sie nach Lwiw flohen. Dort arbeitete der junge Mann im Homeoffice bei einem IT-Unternehmen und engagierte sich als Freiwilliger. Zuvor hatten sie in Nowooleksijiwka unweit der Krim gewohnt. Appaz hatte zudem eine Zeit lang in der Türkei studiert und anschließend in Odesa gelebt, einer Großstadt am Schwarzen Meer im Südwesten der Ukraine, wo er die krimtatarische Sprache unterrichtete.

Ayşe erinnert sich, dass ihr Sohn eine feste Überzeugung hatte und sich nicht aus den Geschehnissen heraushalten konnte:

„Appaz dachte stets darüber nach, wie er sich gesellschaftlich einbringen konnte. So entwickelte er einmal ein Projekt zur Bekämpfung der Quallenplage an der Küste – damals war das ein großes Problem für unseren Ferienort [am Ufer des Asowschen Meeres]. Mit diesem Projekt wandte er sich an den Bürgermeister, der seine Initiative unterstützte.“

Als Ayşe von Lwiw zu ihrer Tochter nach Istanbul fuhr, um sich um ihre neugeborenen Zwillinge zu kümmern, blieb Appaz in der Ukraine. Er versprach, auf sich aufzupassen. Doch ohne ein Wort an irgendjemanden, nicht einmal an seine Mutter, machte er sich auf den Weg in seinen von Russland besetzten Heimatort Nowooleksijiwka. Ayşe erinnert sich:

„Als mein Sohn dorthin fuhr, hat er es mir nicht einmal gesagt. Das hat er immer so gemacht, auch in Friedenszeiten, damit sich Mama keine Sorgen macht.“

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Foto aus dem Archiv von Ayşe Kurtamet.

Ayşe erklärt: Ihr Sohn war sich der Risiken nicht vollständig bewusst. Nach ihrer Aussage gab es damals im Bezirk Henitschesk, zu dem der Ort Nowooleksijiwka gehört, keine aktiven Kampfhandlungen, und die Menschen nutzten humanitäre Korridore über Saporischschja. Appaz glaubte, er könne das Familienhaus erhalten, indem er Mieter findet, damit das Haus nicht von den Besatzern beschlagnahmt würde.

Er gelangte ungehindert über den humanitären Korridor nach Nowooleksijiwka und fand tatsächlich Mieter. Der letzte Anruf bei seiner Mutter kam aus einem Notariat: Appaz wollte alles rechtlich absichern. Ayşe ist überzeugt: Appaz glaubte, dass die offiziellen Dokumente das Haus vor einer Beschlagnahmung schützen und der Familie zumindest ein kleines Einkommen sichern würden, denn ihre finanzielle Lage war angespannt.

Appaz wurde am 23. Juli 2022 auf der Straße entführt. Ayşe erfuhr davon erst drei Monate später, denn nach dem Anruf aus dem Notariat riss der Kontakt zu ihrem Sohn ab.

„Die Entführung diente, wie er sagte, dazu, eine bestimmte Anzahl von Ukrainern ‚zusammenzutreiben‘ – Menschen, von denen sie glaubten, dass sie über bestimmte Informationen verfügen könnten: Freiwillige, Aktivisten. Und er war Freiwilliger – das hatten sie offenbar herausgefunden.“

Später rief ein Mann Ayşe an und sagte: „Ihr Sohn wurde festgenommen. Es steht schlecht um ihn. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ihr Sohn hat mich gebeten, Ihnen dies auszurichten und Sie anzurufen.“

Monatelang sammelte die Familie Kurtamet Informationen, Stück für Stück: den Anruf vom Unbekannten, Gespräche mit Freiwilligen und erfolglose Anfragen am Checkpoint Tschonhar, der zwischen der Krim und dem Gebiet Cherson liegt. Zudem tauschten sie sich mit anderen Familien aus, deren Angehörige in der besetzten Region am Asowschen Meer verschwunden waren. Ayşe erinnert sich, wie sie zum ersten Mal erfuhr, dass ihr Sohn noch am Leben war:

„Ein Ukrainer, der in einem Untersuchungsgefängnis auf der Krim einer ‚Filtration‘ unterzogen worden war, kam frei. Er sagte, er habe zusammen mit meinem Sohn in einer Zelle gesessen. Dort waren etwa 70 Menschen, die alle aus dem Gebiet Cherson kamen. Einige wurden an Checkpoints festgenommen, andere entführt.“

Ayşe beauftragte einen Anwalt auf der Krim, der zum Checkpoint Tschonhar fuhr. Beim ersten Besuch bestritt man schlicht, dass Appaz je dort gewesen sei. Beim zweiten klang die Antwort anders – man habe ihn gesehen, aber: „Sein weiteres Schicksal ist uns unbekannt. Vielleicht sollten Sie ihn irgendwo am Straßenrand suchen.“

Ayşe erzählt, dass man ihr während der Suche auch von den schlimmsten Szenarien berichtet habe: Menschen könnten mit Drogen betäubt, am Straßenrand ausgesetzt und dann über psychiatrische Kliniken „abgewickelt“ worden sein.

„Sie tarnen ihre Verbrechen auf vielfältige Weise. Es gab viele Fälle, in denen Menschen so ‚ausgesetzt‘ wurden und später in psychiatrischen Kliniken auftauchten. Diese Menschen waren unfähig, zu erzählen, was mit ihnen gemacht wurde, wie man sie gebrochen und gefügig gemacht hat. Ich habe meinen Sohn auch in psychiatrischen Kliniken gesucht. Natürlich war ich froh, ihn dort nicht gefunden zu haben, aber gleichzeitig überfiel mich die Angst: Wo ist mein Sohn dann?“

Акція кримськотатарської громади в Туреччині. Фото: appazkurtamet.com

Aktion der krimtatarischen Community in der Türkei. Foto: Appazkurtamet.com

Später stellte sich heraus: Der Anruf des unbekannten Mannes „im Namen von Appaz“ war vorgetäuscht, und die offiziellen Antworten am Checkpoint Tschonhar widersprachen sich. Appaz wurde am 23. Juli 2022 im Bezirk Henitschesk entführt und zur „Filtration“ in ein Untersuchungsgefängnis auf der besetzten Krim gebracht. Er war 19 Jahre alt.

Ein Schauprozess, das Zentralgefängnis Wladimir und eine russische Strafkolonie

Im April 2023 wurde auf der besetzten Krim ein Schauprozess gegen Appaz inszeniert: Man warf ihm Terrorismusfinanzierung vor. Als Beweis dienten Nachrichten, die die Besatzer auf seinem Handy wiederhergestellt hatten. Es handelte sich um ein Gespräch mit einem anderen Krimtataren, der sich dem 2014 gegründeten ukrainischen Freiwilligenbataillon „Krim“ angeschlossen hatte und um Unterstützung für sich und seine Kameraden bat. Appaz hatte versucht, ihm zu helfen, nach Geld gesucht und schließlich selbst 500 Hrywnja (damals etwa 15 Euro) geschickt. Für die Besatzer war dies Beweis genug für Appaz’ Absicht, „Terrorismus zu finanzieren“, wofür der junge Mann zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.

Zunächst versuchten sie, den Jungen zu rekrutieren, ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen und für „Sonderaufgaben“ zu gewinnen. Sie versprachen, ihn freizulassen, wenn er sich bereit erklärt, für sie zu arbeiten. Dies lehnte er ab. Dann boten sie ihm die russische Staatsbürgerschaft an, ebenfalls vergeblich. Ayşe sagt:

„Wir kennen unsere Geschichte. Unser Volk hat viele Repressionen erlebt – er war sich dessen bewusst, er verstand es.“

Appaz befand sich zunächst in einem Untersuchungsgefängnis auf der Krim, wo die Haftbedingungen laut seiner Mutter am schlimmsten waren. Heute sitzt er in einer Strafkolonie im Gebiet Pskow im Nordwesten Russlands, wohin er im November 2024 aus dem Zentralgefängnis Wladimir in Zentralrussland verlegt wurde.

„In der Strafkolonie in Pskow gilt eine Fünf-Tage-Woche – bei einem Monatslohn von 1.500 Rubel, weniger als 17 Euro. Nach der Arbeit ist es verboten, sich auszuruhen, sich hinzulegen oder sich auch nur bis zum Nachteinschluss aufs Bett zu setzen. Russische Gefängnisse sind die Hölle auf Erden.“

In Briefen an seine Mutter schrieb Appaz, die Strafkolonie in Pskow sei für russische Verhältnisse eine mehr oder weniger „anständige“ Einrichtung. Doch statt drei bis vier Personen pro Zelle, wie er es aus dem Gefängnis in Wladimir kannte, teilt er sich in Pskow einen Raum mit 50 bis 60 Menschen, die wegen der unterschiedlichsten Vergehen dort einsitzen. In Wladimir war er gemeinsam mit anderen politischen Gefangenen inhaftiert. Unter ihnen war der ukrainische Künstler und Aktivist Bohdan Sisa. Bohdan wurde von den Besatzern zu 15 Jahren Haft verurteilt, weil er in Jewpatorija auf der besetzten Krim eine Protestaktion gegen die russischen Kriegsverbrechen in Butscha im Frühjahr 2022 durchgeführt hatte. Ayşe erzählt, dass Bohdan für sie wie ein Sohn geworden ist: Sie schreiben einander Briefe, und vieles verbindet sie: So sind sie beide als Waisen aufgewachsen.

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Foto aus dem Archiv von Ayşe Kurtamet.

Sie fügt hinzu, dass Appaz versucht, sich nicht entmutigen zu lassen: Er liest und lernt Englisch, obwohl die Arbeit in der Strafkolonie kaum Raum dafür lässt. Er leidet unter dem Lärm und der Enge, wo jeder darauf wartet, dass man etwas Unbedachtes äußert, um es weiterzumelden.

„Er hat das Gefühl, dass in einem solchen Umfeld Wünsche und Träume allmählich abstumpfen. Er sagt: ‚Ich will nicht, dass mir das passiert. Aber in den Strafkolonien werden Menschen gebrochen und zu ‚Quallen‘ gemacht. Man hört auf, von irgendetwas zu träumen.‘“

Laut Ayşe vermisst Appaz die Ukraine sehr und möchte vor allem genau hierher zurückkehren. Sein Traum ist es, in seiner Heimat, auf der Krim, zu leben, am Wiederaufbau der Ukraine mitzuwirken und die Kultur seines Volkes zu fördern.

Die Entführung und Inhaftierung von Halil Kurtamet

Entführungen wie die von Appaz sind im Bezirk Henitschesk keine Einzelfälle. Die Region, die im Süden an die Krim grenzt, ist eines der größten geschlossenen Siedlungsgebiete der Krimtataren auf dem ukrainischen Festland. Die meisten von ihnen leben im Ort Nowooleksijiwka. Viele Bewohner des Bezirks, insbesondere Krimtataren, wurden von den russischen Besatzern verschleppt und werden in Gefängnissen und Strafkolonien festgehalten. Bekannt sind vor allem die Fälle von Mamed Dolgopolov, Cafer Ablâmіtov und Rinat Ablâkіmov.

Zu den Entführten gehört auch Appaz’ Vater, Halil Kurtamet, der Ex-Mann von Ayşe. Er war Unternehmer und Eigentümer des Hotels „Aj-Petri“ auf der Arabat-Nehrung, einem schmalen Landstreifen vor der Nordostküste der Krim. Die Besatzer haben sich das Hotel zu Beginn der großangelegten Invasion angeeignet. Laut Ayşe wurde Halil ein Jahr nach seinem Sohn entführt, gefoltert und zur Zusammenarbeit gezwungen. Wie Appaz wurde auch er wegen angeblicher Verbindungen zu krimtatarischen Soldaten beschuldigt, diesmal jedoch nicht zum Bataillon „Krim“, sondern zum Bataillon „Noman Çelebicihan“.

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Halil Kurtamet. Foto: Krimtatarisches Ressourcenzentrum.

Die Krim-Menschenrechtsgruppe bestätigte, dass Halil im November 2023 entführt wurde. Sie zitiert die Anschuldigungen des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, wonach Halil seit 2015 aktiv in die Aktivitäten des Bataillons „Noman Çelebicihan“ eingebunden gewesen sei und Geld für die Ausstattung der Bataillonsbasis im Dorf Tschonhar im Gebiet Cherson bereitgestellt habe.

Im Oktober 2024 verurteilte das von Russland illegal eingesetzte „Bezirksgericht Henitschesk“ Halil zu acht Jahren Haft. Laut Ayşe befindet er sich derzeit im sogenannten Transportprozess, er wird von Stadt zu Stadt gebracht und in wechselnden Strafkolonien und Gefängnissen untergebracht.

Trotz eigener gesundheitlicher Probleme widmet Ayşe ihre gesamte Kraft dem Kampf für ihren Sohn Appaz und dessen Vater Halil. Sie wandte sich bereits an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und an die Vereinten Nationen, organisierte Aktionen in der Türkei, vor dem Europaparlament in Brüssel und in der irischen Stadt Athlone. Sie hofft, dass internationale Aufmerksamkeit und öffentlicher Druck dazu beitragen, beide durch einen Gefangenenaustausch aus russischer Haft zurückzubringen.

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