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Seit sehr langer Zeit verfolgt Russland seine imperialistische Politik. Vor dem Hintergrund seiner territorialen Erweiterung bedrohen die russischen Machthaber seit Jahrhunderten indigene Völker der eroberten Gebiete und löschen ihre nationale Identität aus. Zu den Mitteln, die Russland schon seit langem u.a. gegen die UkrainerInnen einsetzt, gehören Deportationen, d.h. erzwungene Vertreibungen oder Verbannungen der Menschen aus ihren Heimatorten oder ihrem Heimatland. In der Vergangenheit berichteten wir bereits, wie Russland die Bevölkerung aus den vorübergehend besetzten ukrainischen Gebieten deportierte. In diesem Artikel erfahren Sie mehr über frühere Vertreibungen aus dem Territorium der Ukraine.

Im Laufe der Geschichte vertrieben die Russen Menschen verschiedener Nationen aus dem Gebiet der heutigen Ukraine, darunter Deutsche, Polen, Tschechen und Juden. Am meisten sind und waren einheimische Völker der Ukraine betroffen – Ukrainer und Krymtataren. Um diese aus russischer Sicht „unzuverlässigen” Bevölkerungsgruppen zu bestrafen und zu isolieren, wurden Deportationen ins Leben gerufen. Die vertriebenen Menschen wurden auch oft in die sog. Zwangsarbeitslager geschickt, wo man sie als Arbeitskraft ausnutzte. Ein weiteres Ziel der Deportationen war es, die ethnische Zusammensetzung des Landes zu homogenisieren und die Entwicklung der Demographie zu kontrollieren.

Der Großteil des ukrainischen Territoriums befand sich über Jahrhunderte unter Besetzung Russlands – entweder als Teil des Kaiserreichs oder als Teil der Sowjetunion. Die ersten Massendeportationen der Ukrainer begannen bereits im 18. Jahrhundert, als Tausende von Menschen auf Befehl des Zaren Peter I. für den Bau der Stadt Sankt Petersbung und des Ladogakanals deportiert wurden. Während des Ersten Weltkrieges führte Russland aktiv eine Zwangsdeportierung von Menschen aus den besetzten Gebieten durch, wie z. B. die Umsiedlung zwischen 1914 und 1915, als etwa 13.000 Menschen aus Ostgalizien deportiert wurden. Darunter waren u.a. Andrij Scheptyzkyj, Metropolit der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche und Josyf Bocian, Rektor des Theologischen Seminars Lwiw (welcher im Causianum in Innsbruck studierte).
Aber die größte Anzahl der Anwohner ukrainischer Territorien wurde während der Sowjetära im 20. Jahrhundert zwangsumgesiedelt.

1920er-1940er Jahre — die ersten sowjetischen Deportationen

In den 1920er Jahren wurden in der Sowjetunion Zwangsarbeitslager errichtet. Die Häftlinge wurden als Arbeitskraft für harte körperliche Arbeit ausgenutzt, wie zum Beispiel für den Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals. Auch deportierte Menschen gerieten in diese Lager. Seit 1922 verschickte das neu geschaffene Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) die für die sowjetische Regime „unzuverlässigen“ Personen in Zwangsarbeitslager oder in abgelegene Regionen der Sowjetunion. Diese Handlungen wurden durch das Dekret des Zentralen Exekutivkomitees der kommunistischen Partei „Über die administrative Deportation“ vom 10. August 1922 möglich. Diese Verordnung bildete aus sowjetischer Sicht die rechtliche Grundlage und Legitimation für Deportationen.

NKWD
Das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (russ.: Narodny kommissariat wnutrennich del) wurde 1917 als ein Ministerium gegründet und 1946 in das Innenministerium der UdSSR umbenannt. 1991 wurde daraus das Innenministerium Russlands.

Der Weißmeer-Ostsee-Kanal

Der Weißmeer-Ostsee Kanal ist eine Wasserstraße im Norden Russlands, die das Weißmeer mit dem Onegasee verbindet und im Rahmen des Ersten Fünfjahresplans der Industrialisierung der Sowjetunion zwischen 1931 und 1933 angelegt wurde. Dafür wurden Häftlinge aus den Zwangsarbeitslagern eingesetzt. Nach verschiedenen Berechnungen forderte der Bau bis zu 100.000 Opfer.

Zur Sowjetzeit gab es mehrere Deportationswellen aus der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Hier führen wir die wichtigsten an:

– 1925–1928: Neusetzung der Grenzen der Ukrainischen, Belarussischen und Russischen Sozialistischen Sowjetrepubliken. Hunderttausende Ukrainer, die plötzlich auf dem Gebiet der Russischen Sowjetrepublik aufwachten, wurden später in die bereits existierenden ukrainischen Siedlungen in den Fernen Osten, in das Kuban-Gebiet und nach Sibirien umgesiedelt.

Ukrainische Siedlungen
Ende des 19. Jahrhunderts begann man, Menschen aus dem ukrainischen Territorium in dünn besiedelte Gebiete nach Russland umzusiedeln. So entstanden ukrainische Gemeinden „Zelenyj Klyn“ (dt.: „Grüner Keil“) im Fernen Osten nahe Japan, „Siryj Klyn“ (dt.: „Grauer Keil“) im Süden Sibiriens und „Malynowyj Klyn“ (dt.: „Purpurroter Keil“) im Kuban-Gebiet, wohin später weitere Ukrainer umgesiedelt wurden. In diesen Gemeinschaften versuchten die Nachkommen jahrzehntelang ihre nationale Identität zu bewahren.

– 1930–1936: Die sog. „Vertreibung von Kulaken“, bei der wohlhabende Bauern enteignet und aus der Ukraine deportiert wurden. Allein in den Jahren 1930-1931 wurden – gemäß offizieller Angaben – 63.817 Bauernfamilien aus der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik ins Ural, nach Ost- und Westsibirien, in den Fernen Osten und nach Jakutien zwangsumgesiedelt. Gebildete und wohlhabende Menschen sahen meist keinen Sinn in der Sowjetregierung und weigerten sich, mit ihr zusammenzuarbeiten. Deshalb versuchte Josef Stalin, langjähriger Anführer der Sowjetunion, die wohlhabende ukrainische Bauernschaft zu vernichten: Er betrachtete sie als ein Hindernis für die Errichtung seiner totalitären Ordnung.

– 1939–1941: Mehrere Wellen von Deportationen der Ukrainer aus den westlichen Teilen der Ukraine und aus Belarus. Damals wurde Polen, zu dem die westlichen Regionen der Ukraine gehörten, von der Sowjetunion und Deutschland besetzt. Insgesamt wurden nach verschiedenen Schätzungen bis zu 1.250.000 Menschen nach Sibirien, in die Wolga-Region, nach Kasachstan und in den Norden Russlands deportiert. Dies sind ca. 10 % der gesamten Bevölkerung dieser Gebiete.

Kurkul / Kulak
Der Begriff Kulak (auf Ukrainisch: Kurkul) war im Russischen eine seit dem 19. Jahrhundert verwendete Bezeichnung für relativ wohlhabende Bauern. Spätestens nach der Jahrhundertwende bekam der Begriff einen abwertenden Charakter. Nach der Oktoberrevolution von 1917 und im Rahmen der sowjetischen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft von 1928 bis 1933 wurde die Bedeutung des Begriffs als abwertend auf alle selbstständigen Bauern ausgedehnt. Solche Personen und deren Angehörige wurden im Rahmen der Entkulakisierung der Jahre 1929 bis 1932 als Klassenfeinde in Arbeitslager deportiert oder erschossen.

Ziel der ersten Deportationen war es, den Widerstand der Ukrainer gegen das sowjetische Machtregime zu brechen. Stalin wollte alle Länder, die Teil der Sowjetunion wurden, unterjochen, ihre nationale Identität auslöschen und eine totalitäre Ordnung aufbauen. Durch Vertreibungen vernichtete und assimilierte die sowjetische Regierung Millionen von Menschen.

Doch die Ukrainer hielten an ihrer nationalen Zugehörigkeit fest: An neuen Orten schlossen sie sich zu Gemeinschaften zusammen, gründeten ukrainische Schulen, gaben ihren Siedlungen ukrainische Namen und bewahrten nationale Traditionen. Sie bauten sogar Häuser, die denen in der Ukraine ähneln und tünchten sie auf ukrainische Art.

1944 — Deportation der Krymtataren

Krymtataren haben drei Besetzungen ihrer Heimat überlebt. Alle drei wurden von Russland aus eingeleitet.

Im Jahr 1783 befand sich das Khanat der Krym unter Besatzung des Russischen Kaiserreichs, deswegen waren die Krymtataren gezwungen, auszuwandern; meistens ging es in das Osmanische Reich. Die zweite Welle der Deportationen begann am 18. Mai 1944, als die Krymtataren aus ihrer Heimat in die abgelegenen Gegenden in Zentralasien und Sibirien vertrieben wurden. Nach offiziellen Angaben wurden insgesamt 191.044 Krymtataren deportiert. Die Volkszählung, durchgeführt von der Nationalen Bewegung der Krymtataren in den 70-er Jahren, spricht von 423.100 Personen.

Den Krymtataren wurde Staatsverrat und Kollaboration mit dem Nazi-Regime während des Zweiten Weltkriegs, die Unterdrückung der nichttatarischen Bevölkerung der Krym sowie Separatismus vorgeworfen. Dies diente als Grund für die Deportationen. Gemäß der Verordnung des Verteidigungskomitee der Sowjetunion „Über die Krymtataren” vom 11. Mai 1944, sollten die Volkskommissare Lawrenti Beria (für innere Angelegenheiten) und Lasar Kaganowitsch (für Eisenbahnverbindungen) gewährleisten, dass die Krymtataren bis zum 1. Juni 1944 aus der Krym in die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik umgesiedelt werden.

Volkskommissar
Eine Person im revolutionären Russland und anschließend in der Sowjetunion in den Jahren von 1917 bis 1946, die ein Volkskommissariat leitete und quasi als Minister fungierte. Der Begriff „Minister" wurde von den Bolschewiki als bourgeois abgelehnt, da er mit parlamentarischen Demokratien oder Monarchien verbunden wurde.

Die Deportation begann in den frühen Morgenstunden des 18. Mai 1944, bereits um 8 Uhr wurden 90.000 Menschen in 25 Züge getrieben. Es wurde gesagt, jede Familie könne bis zu 500 Kilo Hab und Gut mitnehmen, der Wert aller verbliebenen oder beschlagnahmten Gegenstände solle am Zielort entschädigt werden. In Wirklichkeit hatten die Deportierten jedoch nur sehr wenig mit sich und an den neuen Wohnorten war nichts für sie vorbereitet. In den ersten Jahren nach der Deportation starb infolgedessen mehr als ein Drittel der umgesiedelten Krymtataren. Für Stalin ging es in erster Linie darum, Menschen aus ihrer Heimat zu entwurzeln.

Stalin versuchte alle Zeugnisse der Präsenz von Krymtataren auf der Halbinsel zu vernichten. Er verbot das Ethnonym „Krymtataren“. Mehr als 40 Jahre lang wurde diese Nation in den sowjetischen Volkszählungen von 1959, 1970 und 1979 nicht erwähnt. Außerdem begann man im Anschluss an Deportationen, die zurückgebliebenen Siedlungen umzubenennen, um Verweise auf die Krymtataren in geographischen Namen auszumerzen. Zum Beispiel wurde die krymtatarische Siedlung Yedi Quyu („Sieben Brunnen“) in Lenine („Lenindorf“) umbenannt. Nach 1945 konnte man auf der Karte der Krym solche Siedlungen wie Turgenewo („Turgenewdorf“ anstatt Qırq Bel – „Vierzig Taillen“), Puschkine („Puschkindorf“ anstatt Büyük Alqalı – „Großer Ring“) und Sawit-Leninskyj („Lenins Testament“ anstatt Küçük Alqalı – „Kleiner Ring“) finden. Insgesamt wurden ca. 1300, fast 90 % der Ortschaften auf der Krym umbenannt.

Leider wurden die Ortschaften auf der Krym bis zur russischen Besetzung der Halbinsel 2014 nicht wieder auf ihre historischen Namen umbenannt. Allerdings verabschiedete die Werchowna Rada der Ukraine im Jahr 2016 einen Gesetzentwurf zur Umbenennung von 75 Toponymen auf der Krym, von denen die meisten auf ihre authentischen Namen zurückgeführt werden. Die Entscheidung wird nach der Befreiung der Halbinsel in Kraft treten.

Nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg wurden Menschen vor allem aus den zentralen Regionen der Sowjetunion auf die Krym umgesiedelt. Das Ziel war es, die Halbinsel vollständig zu russifizieren und jegliche Erinnerung an die Halbinsel als Heimat der Krymtataren zu löschen. Um den Mythos der Krym als ursprünglich russisches Gebiet zu erschaffen, wurden außer den Krymtataren auch 15.000 Griechen, mehr als 9.600 Armenier und 12.400 Bulgaren deportiert.

Erst nachdem 1989 die krymtatarische Bewegung für die Heimkehr gegründet wurde, konnten die Krymtataren in ihre Heimat zurückkehren. Die damalige sowjetische Regierung unterstützte diesen Prozess nicht, obwohl sie die Deportationen verurteilte und als verbrecherisch und illegal anerkannte. Die zurückkehrenden Krymtataren mussten vieles von Anfang an wiederaufbauen, sie bekamen lediglich ein Stück Land in der trockenen Steppenlandschaft. Eine Entschädigung oder andere Hilfe seitens des Staates gab es keine.

Das ukrainische Parlament erließ 2015 eine Resolution, in der die Deportation der Krymtataren von 1944 als Völkermord anerkannt wurde. 2019 trafen auch die Regierungen Lettlands und Litauens die gleiche Entscheidung. Allerdings gab es bisher in Russland, das sich selbst als Nachfolger der Sowjetunion bezeichnet, keine Prozesse gegen die Täter oder Verurteilungen derjenigen, die den Völkermord begangen haben.

2014 hat Russland die Halbinsel Krym wieder besetzt. Mindestens 30.000 Krymtataren mussten die Halbinsel verlassen und auf ukrainisches Festland fliehen. Mindestens 150 Krymtataren sind politische Gefangene und wurden in Scheinprozessen zu Haftstrafen verurteilt.

Die Deportation und der verheerende Einfluss Russlands auf Krymtataren wurde in der ukrainischen Gesellschaft noch vor der Besetzung der Halbinsel thematisiert. Im Jahr 2013 erschien der Film „Khajtarma“, der erste Spielfilm über die Deportation der Krymtataren 1944 handelt. Das war das Spielfilmdebüt von Achtem Sejatablajew, ukrainischem Schauspieler und Regisseur krymtatarischer Herkunft. Zwei Jahre nach der erneuten Besetzung der Halbinsel gewann Jamala, die ukrainische Sängerin krymtatarischer Herkunft den Eurovision Song Contest 2016 in Stockholm mit dem Lied „1944“, das von den tragischen Ereignissen in der Geschichte der Krymtataren erzählt.

Mustafa Dschemiljew, Vorsitzender der Nationalen Bewegung der auf die Krym zurückgekehrten Krimtataren und von 1998 bis 2013 Vorsitzender des Medschlis des Krymtatarischen Volkes, versicherte, dass die Krymtataren 2014 bereit gewesen waren, zu den Waffen zu greifen und gemeinsam mit den Ukrainern die Integrität unseres Staates zu verteidigen. Derzeit glaubt er aber nicht an diplomatische Methoden zur Befreiung der Krym, mit militärischen Mitteln wäre das möglich, jedoch nur, wenn Ukrainer und Krymtataren gemeinsam handeln.

1944–1951 — Deportation von Ukrainern aus den westlichen Regionen

Während des Zweiten Weltkrieges und nach dessen Beendigung besetzte die Sowjetunion neue Regionen der Ukraine. Dazu gehörten Wolhynien, Bessarabien, Bukowyna, Galizien und Transkarpatien, die bis zum letzten Jahrhundert zu den westlichen Nachbarländern der Ukraine gehörten: Polen, Ungarn, Moldawien und Österreich. Mit der Befreiung von der deutschen Besatzung erlebten die Ukrainer nicht die lang ersehnte Erleichterung, sondern vielmehr neue Repressionen, darunter erneut Deportationen. Sie erfolgten in mehreren Wellen, angeblich, um die Gebiete von „Banderiwzi“, „Nationalisten“ und „Kulaken“ zu befreien. Doch eigentlich zielte das totalitäre Regime darauf ab, die nationale Identität auszulöschen und die für das sowjetische Regime „unzuverlässigen“ Ukrainer zu vernichten.

Banderiwzi
So werden Anhänger des Anführers der ukrainischen nationalistischen Bewegung Stepan Bandera und seiner Ideologie genannt. Nach 1940 wurde der Begriff „Banderiwzi“ für alle Anhänger des ukrainischen Nationalismus verwendet. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine bezeichnete die russische Propaganda mit diesem Begriff alle Ukrainer, und zwar ungeachtet ihrer Einstellung zur Persönlichkeit von Stepan Bandera.

Insgesamt wurden von 1944 bis 1951 fast 750.000 Ukrainer vertrieben. Die ersten Vertreibungswellen fanden in den Jahren 1944–1946 statt, als eine Bestrafung für den Widerstand der Bewohner dieser Gebiete für ihren Wunsch nach Unabhängigkeit und den Kampf gegen die Sowjetmacht in den Reihen der OUN-UPA. Die Ukrainer aus den westlichen Regionen, die damals unter polnischer Herrschaft standen, wurden in andere Regionen vertrieben. Diese Deportation wurde von den kommunistischen Regierungen der Sowjetunion und Polens durchgeführt. Das kommunistische Regime bezeichnete die Deportation als „freiwillige Umsiedlung“ und versprach eine „gleichwertige Entschädigung für das zurückgelassene Eigentum“. In Wirklichkeit waren die Menschen vor allem mit der Ausbeutung in den Kolchosen (die Kollektivwirtschaft bot keinen Raum für individuelle Landwirtschaft) und einem Mangel an Wohnraum konfrontiert.

Bei der Vertreibung verteilten die kommunistischen Behörden sogenannte „Evakuierungsbescheide“, in denen die Deportierten die Liste des zurückgelassenen Eigentums und dessen Wert angaben. Eine Entschädigung erhielten die Vertriebenen jedoch nie.

OUN-UPA
OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) ist eine 1929 gegründete ukrainische gesellschaftspolitische Bewegung zur Etablierung und Bewahrung eines unabhängigen ukrainischen Staates. UPA (Ukrainische Aufständische Armee) ist eine 1942-1954 existierende militärische und politische Formation der Ukrainischen Befreiungsbewegung zur Wiederherstellung der ukrainischen Staatlichkeit. Das Akronym OUN-UPA wird umgangssprachlich verwendet, um die Aktivitäten der OUN und der UPA während des Zweiten Weltkriegs zusammenzufassen.

Die Deportierten erhielten meist den Status von Sonderumsiedlern, einige von ihnen wurden in Besserungsarbeitslagern untergebracht. Vor Ort wurden sie diversen „Umerziehungsmaßnahmen“ unterzogen. Alle, die mit der Sowjetpolitik unzufrieden waren und dies äußerten, wurden verhaftet und als Nationalisten oder Staatsfeinde vor Gericht gestellt.

Einige Deportierte versuchten, in ihr ethnisches Land zurückzukehren, was jedoch selten gelang und oft mit Verhaftungen endete. Derzeit versuchen die Ukrainer gemeinsam mit Polen, dieses Trauma zu verarbeiten.

Eine weitere Deportationswelle fand im Jahr 1947 statt. Diejenigen Ukrainer, die ihre Heimat in Polen in den Jahren zuvor nicht verlassen hatten, wurden vom kommunistischen polnischen Regime während der Aktion Weichsel mit Unterstützung der sowjetischen Führung deportiert. Das Hauptziel war die ethnische Säuberung der ukrainischen Gebiete, die westlich der heutigen polnisch-ukrainischen Grenze liegen. Innerhalb weniger Monate wurden fast 150.000 Ukrainer gewaltsam von ihrem ethnischen Land vertrieben. 655 Ukrainer wurden getötet und fast 4.000 im Arbeitslager Jaworzno (Polen) gefangen gehalten. Gleichzeitig mit der Vertreibungskampagne ging die damalige polnische Regierung gegen die OUN-UPA vor und verhaftete dabei fast 3.000 ihrer Mitglieder.

Aktion Weichsel
Aktion Weichsel (polnisch: Akcja Wisła) bezeichnet die 1947 durchgeführte Zwangsumsiedlung ethnischer Ukrainer, Bojken und Lemken aus dem Südosten der Volksrepublik Polen in den Norden und Westen des Landes (die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete).

Im selben Jahr, 1947, kündigte der Innenminister der Sowjetunion die Vertreibung von mehr als 77.000 „aktiven Nationalisten und Banditen“ aus den westlichen Regionen der Ukraine an. Die Ukrainer wurden zur Arbeit in der Kohleindustrie in den östlichen Regionen der Sowjetunion geschickt. Außerdem gibt es Belege dafür, dass ukrainische Frauen in sowjetische Militärgarnisonen an abgelegenen Orten geschickt wurden, an denen sich die Militärgarnisonen befanden, und dort oftmals Opfer von Vergewaltigungen wurden. All diese Tatsachen wurden während der Sowjetzeit selbstverständlich verschwiegen.

In den Jahren 1948 und 1951 kam es zu einigen Austauschen von Grenzgebieten zwischen der Sowjetunion und Polen. Auch diese Ereignisse wurden von Deportationen von Ukrainern begleitet. Beispielsweise wurden 1948 infolge der Änderung der Demarkationslinie 9.125 Ukrainer tief in die Ukrainische Sowjetrepublik umgesiedelt.

Darüber hinaus wurden aufgrund der Beschlüsse des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion diejenigen, denen „böswillige Arbeitshinterziehung in der Landwirtschaft und Führung eines antistaatsbürgerlichen Lebensstils“ vorgeworfen wurde, für acht Jahre aus dem Hoheitsgebiet der Ukraine deportiert. Viele Bewohner der östlichen und zentralen Regionen der Ukraine, die die Hungersnot von 1947 überlebten, verursacht durch den allgemeinen schlechten landwirtschaftlichen Zustand der Nachkriegszeit und die Dürre von 1946, fielen unter diese Anschuldigung. Oft konnten die Menschen die in den Kollektivwirtschaften festgelegte Arbeitsnorm physisch nicht erfüllen.

2022. Andauernde Deportation

Allein zu Zeiten der Sowjetunion wurden mehr als 10 Deportationswellen aus dem Gebiet der Ukraine durchgeführt. Das Ausmaß dieser Tragödie ist schwer zu begreifen. Der schreckliche Schmerz hat sich in das kollektive Gedächtnis vieler Generationen von Ukrainern eingebrannt. Im Jahr 2022, im Zuge der Invasion, deportiert Russland erneut Ukrainer aus den vorübergehend besetzten Gebieten, worüber wir schon früher berichteten. Bis Anfang September wurden bereits mehr als 1,2 Millionen Menschen, darunter auch Kinder, zwangsumgesiedelt. Solange die Invasion andauert, gibt es kein wirksames Verfahren für die Rückführung der Ukrainer.

Ukrainer werden wie vor hundert Jahren in entlegene Regionen der Russischen Föderation ausgewiesen: in den Fernen Osten und den Nordkaukasus. Die Russische Föderation erfindet Gesetze, die ihre kriminellen Handlungen legitimieren, als ob sie die lokale Bevölkerung „beschützen“ würden. Tatsächlich versuchen aber russische Politiker mit aller Kraft – sei es zu Zeiten des Kaiserreiches, der Sowjetunion oder heutzutage – den russischen Nationalmythos zu unterstützen, der Hass und Feindschaft gegen die indigenen Völker der besetzten Gebiete verbreitet.

Der Krieg geht weiter fort. Doch im Gegensatz zu den vorherigen Deportationen und anderen von Russland begangenen Kriegsverbrechen haben wir dieses Mal die Chance, einen neuen Weg einzuschlagen. Früher, als die Ukraine noch Teil der Sowjetunion war, konnten die Ukrainer aus Angst vor Repressionen und Verfolgungen nicht über die schreckliche Regierungspolitik sprechen. Damals wurde diese Tragödie verheimlicht, aber jetzt haben wir die Möglichkeit, darüber offen zu berichten. Auch ist diesmal die Weltgemeinschaft bereit, uns, den Ukrainern, zuzuhören.

Jetzt können wir durch Filme, Lieder, Kunstwerke usw. über unsere Erfahrungen sprechen. Um die Weiterreichung der kollektiven Traumata an die nächsten Generationen zu stoppen, muss darüber gesprochen und klar definiert werden, was uns passiert ist und wer dafür verantwortlich ist. Die Täter von damals wurden nicht bestraft, ihre Verbrechen verjährten jedoch nicht.

Um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, muss die Weltgemeinschaft sich zusammenschließen und die Täter von heute zur Verantwortung für die aktuelle Deportation seitens Russland ziehen. Ein entscheidender Schritt dazu ist die Anerkennung des Regimes der Russischen Föderation als ein terroristisches und die Definition des Krieges gegen die Ukraine als Völkermord.

Chronologie der Deportationen in der Sowjetunion

16. Oktober 1922 — Einrichtung einer Sonderkommission beim Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) der Sowjetunion zu Fragen der Vertreibung in die Zwangsarbeitslager.

10. August 1922 — das Dekret des Zentralen Exekutivkomitees der kommunistischen Partei „Über die administrative Deportation“ gewährte das Recht, alle verdächtigen Personen in entfernte Regionen der Sowjetunion zu deportieren.

4. April 1925 — die Geheimpolizei der Sowjetunion (OGPU) erhält das Recht, „sozial schädlichen“ Personen das Wohnen in bestimmten Gebieten des Landes zu verbieten.

28. März 1924 — die Geheimpolizei der Sowjetunion erhält durch eine Verordnung das Recht, Menschen zu deportieren, zu verbannen, zu verhaften und in die Konzentrationslager zu verschicken.

12. Juni 1929 — Die Verordnung „Über die Verbannung von besonders böswilligen Verbrechern“.

1. Oktober 1930 — Gründung der Hauptdirektion für Straf- und Arbeitslager („Glavnoje upravlenije ispravitelno-trudowych lagerej”, abgekürzt: GULAG).

Juni 1931 — im GULAG wurde die Abteilung für Sondersiedlungen gegründet.

20. Februar 1930 — Die Verordnung des Zentralkomitees der kommunistischen Partei über die Notwendigkeit der Zwangsumsiedlung von 200–300 Tausend Familien aus den Gebieten der durchgehenden Kollektivierung vornehmlich in die Regionen Kasachstans.

GULAG
Das Kürzel Gulag bezeichnet das von 1934 bis 1960 in der Sowjetunion existierende Netz von Straf- und Arbeitslagern, im weiteren Sinn steht es für die Gesamtheit des sowjetischen Zwangsarbeitssystems. Anfang der 1950er Jahre stellten Ukrainer ein Fünftel aller Gulag-Häftlinge dar.

25. November 1935 — Die Verordnung des Zentralkomitees der kommunistischen Partei über die Vertreibung aus den westlichen Grenzregionen der Ukrainischen Sozialischen Sowjetrepublik

28. April 1936 — Die Verordnung des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion „Über die Vertreibung von 15.000 polnischen und deutschen Haushalten aus der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik in das Steppengebiet Karaganda der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik“.

13. April 1938 — Das Rundschreiben №80 des NKWD über die Pflichtregistrierung von Sondersiedlern.

September 1939–Juni 1941 — Über 500.000 Menschen wurden aus der westlichen Regionen der Ukraine deportiert.

1940 — Gründung im GULAG einer speziellen Abteilung für Straf- und Arbeitskolonien sowie Arbeitssiedlungen.

Sondersiedlung
Sogenannte Sondersiedlungen wurden in der Regierungszeit von Stalin geschaffen, um die unwirtlichen Regionen der Sowjetunion wirtschaftlich zu erschließen. Zwischen 1929 und 1953 entstanden ca. 2.000 Kolonien für sog. „Sondersiedler“, wo u.a. Zwangsdeportierte sowie Menschen, die aus Arbeitslagern entlassen wurden, wohnten. Aufgrund mangelhafter Lebensbedingungen war die Mortalität sehr hoch.

März 1943 — Der Verordnung des Staatlichen Verteidigungskomitees der Sowjetunion „Über Sondermaßnahmen in den westlichen Gebieten der Ukraine“, der das Innenministerium verpflichtete, Familien von „aktiven Mitgliedern der OUN-UPA in entfernte Gebiete der Sowjetunion“ zwangsumzusiedeln.

7. Januar 1944 — Die Anordnung des Innenministers #20, die es forderte, alle festgestellten Menschen auf dem Gebiet der Ukrainischen Sowjetrepublik, die während der deutschen Besatzung in deutschen Einrichtungen bzw. für Deutsche gearbeitet hatten, zu verhaften, in ein Speziallager in Russland zu bringen und ihr Eigentum zu beschlagnahmen.

März 1944 — Die Verordnung des Staatlichen Verteidigungskomitees „Über Sondermaßnahmen in den westlichen Regionen der Ukraine“, u. a. mit dem Wortlaut: „Das Innenministerium verpflichten, die Familien aktiver Mitglieder der OUN, UPA und der Ukrainischen Revolutionären Volksarmee (UNRA) in entfernte Gebiete der UdSSR zu vertreiben“.

24. März 1944 — Einrichtung der Abteilung für Sondersiedlungen innerhalb des NKWD.

31. März 1944 – die Anweisung des NKWD Nr.  122, unterzeichnet von Lawrentij Beria „Über die Deportation von Familienangehörigen der OUN-Mitglieder und anderer aktiven Rebellen, die verhaftet oder bei Gefechten getötet wurden, in abgelegene Gebiete von Sibirien (die Regionen Krasnojarsk, Irkutsk, Omsk und Nowosibirsk).“

5. und 15. April 1944 – die Anweisung „Über das Verfahren der Abschiebung von Familienangehörigen der OUN-Mitglieder und aktiver Rebellen in entlegene Gebiete der Sowjetunion“ und die Anweisung „Über das Verfahren der Abschiebung zur Räumung von Familienangehörigen aktiver Mitglieder der OUN und der UPA“.

29. Oktober 1944 — Die Verordnung des Staatliches Verteidigungskomitees über die Verbannung von Mitgliedern der OUN und der UPA und ihrer Familienangehörigen in die dünn besiedelten Gebiete im Norden und Osten der Sowjetunion zwecks sog. „Arbeitserziehung“.

15. Mai 1945 — Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei, Mykyta Chruschtschow, forderte bei einem Arbeitstreffen in Lwiw, dass die Familien der Aufständischen in abgelegene Gebiete der Sowjetunion vertrieben werden.

10. September 1947 — Die Verordnung des Ministerrats der Sowjetunion über die Vertreibung von „Familien der OUN-Mitglieder, deren Gehilfen, Kulaken-Nationalisten und deren Familien“.

15. Oktober 1947 — Geheime Verordnung des Zentralkomitees der kommunistischen Partei „Über das Verfahren bezüglich der Nutzung von Land und Eigentum der Familien deportierter Nationalisten und Banditen“.

21. Februar 1948 — Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion „Über die Vertreibung aus der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik von Personen, die sich böswillig der Arbeit in der Landwirtschaft entziehen und einen asozialen, parasitären Lebensstil führen“.

23. Februar 1948 — Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion über die Verbannung verurteilter Mitglieder von „OUN-Banden“ in die Sondersiedlungen nach Verbüßung der Strafe in Besserungsarbeitslagern.

26. November 1948 — Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion „Über die strafrechtliche Verantwortung für die Flucht aus Sondersiedlungen von Personen, die während des Zweiten Weltkrieges in entfernte Gebiete der Sowjetunion zwangsvertrieben wurden“.

15. April 1950 — Der Befehl des Innenministeriums der Sowjetunion „Über die Verkündung an die in den Sondersiedlungen lebenden vertriebenen OUN-Mitglieder, dass sie lebenslang verpflichtet sind, in Sondersiedlungen zu leben“.

1944–1952 — 203.662 Menschen wurden aus den westlichen Regionen der Ukraine deportiert.

5. Juli 1954 — Die Verordnung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und des Ministerrats der Sowjetunion „Über die Aufhebung einiger Beschränkungen von Bewohnern der Sondersiedlungen“. Diese Verordnung erstreckte sich jedoch nicht auf die aus der Westukraine vertriebenen ukrainischen Nationalisten und deren Familienangehörigen.

15. Juni 1959 — Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion „Über strafrechtliche Verantwortung der Sondersiedler im Falle einer eigenmächtigen Rückkehr an ihre Heimatorte, von denen sie vertrieben wurden“, bei dessen Verletzung eine dreijährige Freiheitsstrafe drohte.

14. November 1989 — Die Deklaration des Obersten Sowjets der Sowjetunion erklärte repressive Maßnahmen gegen zwangsumgesiedelte Bevölkerungsgruppen für rechtswidrig.

Alle deportierten Menschen und Bevölkerungsgruppen wurden rehabilitiert.

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Dieses Material wurde mit Unterstützung von International Media Support (IMS) erstellt.

Beitragende

Projektgründer:

Bogdan Logwynenko

Autorin des Textes:

Sofija Panassjuk

Chefredakteurin:

Natalija Ponedilok

Redakteurin:

Anastasija Sjerikowa

Bildredakteur:

Jurij Stefanjak

Übersetzerin:

Anastasiia Babak

Maryna Skuratovska

Übersetzungsredakteur:

Oleksiy Obolenskyy

Korrektor:

Mathias Renz

Koordinatorin der Übersetzung:

Olena Shalena

Chefredakteurin von Ukraїner International:

Anastasiia Marushevska

Content-Managerin:

Anastasija Schochowa

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